So viel Aufbruchsstimmung gab es in den Staatlichen Museen Berlins seit langem nicht mehr: Innerhalb weniger Monate hat der neue Generaldirektor Peter-Klaus Schuster zehn Jahre kalten Krieges zwischen den Mitarbeitern, der kunstwissenschaftlichen und denkmalpflegerischen Fachöffentlichkeit und der Generaldirektion aufgelöst. Sämtliche Ideen seines Vorgängers Wolf-Dieter Dube wurden faktisch zu den Akten gelegt, mit Ausnahme des Masterplans für die Museumsinsel und des Schnellrundgangs durch die archäologischen Abteilungen. Im Neuen Museum ist die schnelle Wende nun auch als Ausstellung zu bewundern, gezeigt werden die alten und die neuen Konzepte gemeinsam mit den Sanierungsplänen für das Weltkulturerbe Museumsinsel.

Erst vor wenigen Monaten hatte man sich für eine Erweiterung des Pergamonmuseums nach den Plänen des Architekten Ungers entschieden und damit die museumspolitische Kehrtwende überdeutlich markiert. Auf die Überdachung des monumentalen Ehrenhofs wird nun verzichtet - hier sollte, allen Protesten der Denkmalpflege zum Trotz, dem Bustourismus das Verkehrszentrum gegeben werden, die Berliner Pyramide. Nun soll auch ohne diesen schweren Eingriff der geplante Schnelldurchgang möglich gemacht werden.

Er ist Teil der "Archäologischen Promenade", mit der das Alte Museum, das Neue Museum und das Pergamonmuseum unterirdisch verbunden werden sollen, um übergreifende Themen wie Tod, Handel, Gedächtnis, Geldverkehr oder Speisesitten zu zeigen. Mit dieser inhaltlichen Konzeption sollen die starren Abteilungsgrenzen überwunden werden.

Im Schnellrundgang, der teilweise identisch mit der Promenade ist und ein eigenes Eingangsgebäude am Kupfergraben bekommt, erhalten Bustouristen eine Leitlinie entlang der "Highlights": in 40 Minuten, nach dem Zahlen des saftigen Eintrittspreises, vorbei an Nofretete, Ishtartor, Milettor und Pergamonaltar, durch die obligaten Shopping-Gelegenheiten, zum Schnellcafé.

Und raus. Durch die rigide Kanalisation hofft man in Berlin Ruhe zu schaffen für "Individualbesucher" in den angrenzenden Räumen. Angesichts der Erfahrungen etwa im Louvre oder im Vatikan eine abwegige Annahme.

Eine genaue Definition, welcher Besucher welcher Gruppe zugehört, erhält man von den Berliner Direktoren nicht. Kein Wunder: Sie wissen kaum, woher ihre Besucher wie oft und warum ins Museum kommen. Untersuchungen hierzu existieren nur in Rudimenten. Die Zielgruppen werden abstrakt definiert, und es drängt sich der Verdacht auf, dass mit der effizienten Abfertigung und Ausbeutung der "Masse" der Genuss der "Elite" finanziert werden soll. Man erhält auch keine wirkliche Antwort, welches Bildungs- und Kunsterlebnis der Besucher im Schnellrundgang haben soll. Sein Zeittakt ist keineswegs bestimmt von der klassischen Aufgabe der Museen, historische Kunst an ein modernes Publikum zu vermitteln. Er wird letztlich diktiert von den Busunternehmern, die zwischen Brandenburger Tor und Mittagessen einen kulturell bedeutsamen Puffer benötigen. Seine Objekte sind vor allem ihrer werbeträchtigen Präsenz durch Größe oder Postkartenruhm zu verdanken: Eine historische Linie zwischen der Ägypterin Nofretete, dem hellenistischen Pergamonaltar und der frühislamischen Mschattafassade gibt es nicht, der versprochene architekturhistorische Rundgang entbehrt des chronologischen Zusammenhangs.

Der Schnellrundgang ist daher viel eher ein Marketing- als ein Museumsprogramm. Der Erfolg des Louvre, der seit der Eröffnung der Pyramide 1989 die Zahl der Besuche um das Doppelte steigern konnte, ist das Vorbild.