Dass Medien kräftig in unsere Wirklichkeit hineinregieren, würde niemand ernsthaft bezweifeln. Schon vor 55 Jahren hat diese Erkenntnis die Alliierten bewogen, in Deutschland besonderes Augenmerk auf den Aufbau einer freien, unabhängigen und kritischen Presse zu legen. Manipulation und Missbrauch der Medien, wie sie die Nationalsozialisten betrieben hatten, sollten fortan unmöglich sein. Vielmehr sollten die Medien im demokratischen Prozess eine eigene Kraft sein: unabhängige Instanz der Information, der Kritik, der Kontrolle.

Die ersten Radiosendungen nach Kriegsende entstanden noch unter Aufsicht der Siegermächte. Die politische und kulturelle Erziehung zu liberaler Demokratie, zu Toleranz und Kompromiss war das Ziel, der öffentlich-rechtliche Rundfunk eines der Mittel. Nicht nur in historischer Perspektive, sondern auch aus heutiger Sicht bin ich froh, dass die Westmächte der ARD den viel diskutierten "Bildungsauftrag" mitgegeben haben: den Auftrag, die Pluralität von Informationen und Meinungen zu garantieren, weil nur gut informierte Bürgerinnen und Bürger überzeugte Demokraten und mündige Staatsbürger sein können. Den Auftrag, die Lebenswirklichkeit in ihrer ganzen Komplexität zu vermitteln und demokratische Grundwerte zu fördern, und schließlich den Auftrag, den Austausch der Meinungen zu befördern mit dem Ziel, Kompromiss und Konsens als Wesensmerkmale der Demokratie sichtbar und einsichtig zu machen.

Kompetenz, Seriosität und Glaubwürdigkeit sind bis heute ein Markenzeichen der ARD, vor allem ihrer Nachrichtensendungen und Politmagazine. Den berechtigten Stolz aber trübt seit einigen Jahren eine Art Rechtfertigungsnot der Öffentlich-Rechtlichen. Seit die privaten Hörfunk- und Fernsehprogramme die deutsche Medienlandschaft umgekrempelt haben, muss sich die ARD immer häufiger als biedere und antiquierte "Volkshochschule der Nation" verspotten lassen. Passt der vor 50 Jahren begründete Anspruch des Ersten nicht mehr in die moderne Fernsehlandschaft?

In früheren Jahren war die Fernsehnation auf die wenigen öffentlich-rechtlichen Programme angewiesen. Heute senden bei uns rund 40 Programme rund um die Uhr. Allein die ARD strahlt neun Fernsehprogramme, 54 Hörfunkprogramme und - zusammen mit Partnern - Arte, Phoenix, 3sat und Kinderkanal aus. Spartenprogramme, Bezahl-Fernsehen und das digitale Fernsehen werden das Medium noch unübersichtlicher machen. Trotzdem hat sich gezeigt, dass der öffentlich-rechtliche Rundfunk, zumal die ARD, in der Zuschauergunst ganz gut mithalten kann. Gerade wo es um Information geht, sind und bleiben die Öffentlich-Rechtlichen uneinholbar. Den Privatsendern ist es nur kurzfristig gelungen, die Marktführerschaft zu erobern. Dennoch fehlen auf keinem Medienkongress Diskussionsforen über die Zukunft des öffentlich-rechtlichen Rundfunks. Sie entzünden sich an der Frage der Gebühren. Aber fragen sich wirklich so viele Zuschauer - wie behauptet wird -, warum sie für drei Programme teuer bezahlen sollen, wenn sie 33 kostenlos bekommen? Und was heißt kostenlos?

Inzwischen höre ich immer häufiger, die Werbung werde als störend empfunden.

Damit kann man sogar werben: Nicht von ungefähr argumentieren die Veranstalter von Bezahl-Fernsehen damit, bei ihnen blieben den Zuschauern die Werbe-Zumutungen erspart. Die Programme von ARD und ZDF kosten Gebühren, die übrigen Programme kosten manchen Zuschauer gelegentlich allerhand Nervenkraft. Es kostet wohl auch den Verlust an Niveau. Da der Gedanke "Wer zahlt, der mahlt" immer noch gilt, hört man, dass die Buchungen der werbungtreibenden Wirtschaft mehr und mehr darüber mitentscheiden könnten, ob eine Produktion gesendet, ob eine Idee realisiert wird.

Ich will keine falsche Schwarzweißmalerei zwischen privaten und öffentlich-rechtlichen Sendern betreiben, ich bekenne mich zum dualen System, aber ich will einen markanten Unterschied hervorheben: dass nämlich die Privatsender sich für unzuständig halten für das, was das Bundesverfassungsgericht "Grundversorgung" nennt. Ohne übertriebene Verkürzung heißt das: Für Demokratie, für Aufklärung, für Information, für Meinungsvielfalt, für die Abbildung des wirklichen sozialen Lebens sind die öffentlich-rechtlichen Programme zuständig, alle übrigen widmen sich weitgehend der Unterhaltung, der Sensation - gelegentlich sehr erfolgreich.