Professor Christian Elger schwitzt in seinem dunklen Anzug. Im Zelt auf dem Bonner Münsterplatz ist es heiß und laut, und das Publikum, das da vor ihm auf Bierbänken sitzt, löchert ihn mit Fragen: "Gibt es bei ALS eine Therapie?" - "Wie stehen Sie dazu, embryonale Stammzellen ins Gehirn zu verpflanzen?" Hirnforscher Elger muss die Stimme heben, um das Rattern eines Ergometers vom Nebenstand und die Erklärungen eines Experten für Verkehrsleitsysteme zu übertönen, doch er lässt sich nicht beirren.

Bereitwillig klärt Elger über die Amyotrophische Lateralsklerose (ALS) auf und beantwortet die heikle ethische Frage mit Friedrich Dürrenmatt: "Erkenntnis kann nicht zurückgehalten werden. Wir müssen dafür sorgen, dass solche Forschungen offen erfolgen und nicht versteckt in einem Hinterhoflabor. Wenn Sie mehr wissen wollen: Kommen Sie doch zu unserem Tag der offenen Tür. Wissenschaft ist spannender als Big Brother."

Freundlicher Applaus belohnt den Neurologen. Die Besucher sind sichtlich angetan, die sonst so ferne Wissenschaft einmal im persönlichen Kontakt erleben zu können. Beim "Wissenschaftssommer Bonn" gibt es dazu reichlich Gelegenheit - und sie wird genutzt. Mehr als 50 000 Besucher haben am vergangenen Wochenende, trotz Regenwetter und Olympia, die Veranstaltungen dieses ersten großen Wissenschaftsfestivals in Deutschland besucht.

Besonderes Aufsehen erregen die gruselig-naturgetreuen Wachsmodelle der anatomischen Sammlung La Specola (ZEIT Nr. 37/2000). Aber auch die interaktive Experimentiershow MenschensKind!, bei der Experten wie Elger öffentlich Rede und Antwort stehen, und die Physikausstellung Stein der Weisen finden Zuspruch. Die Physiker haben Ungewöhnliches gewagt und zum ersten Mal eine Ausstellung mit der Kölner Kunsthochschule für Medien konzipiert. Nun sind neben Funkeninduktionsmaschinen, Solarmobilen und Glasfaserkabeln auch Videoinstallationen, Klangskulpturen und das Spider Project der New Yorker Künstlerin Clea T. Waite zu sehen. Waite interpretiert die versteckte Welt der Elementarteilchenphysik auf ihre Weise: In einem dunklen, nebelverhangenen Glaskasten weben 50 Madagaskarspinnen ihre Netze und schaffen damit eine dreidimensionale Projektionsfläche, die als lebender Hintergrund für Bilder von Teilchenspuren in einer Blasenkammer dient.

Für die Physiker bedeutet das unkonventionelle Ausstellungskonzept beinahe einen Kulturbruch. Dass sich die "Zahlenapostel und Genauigkeitsfanatiker" auf dieses Experiment eingelassen hätten, zeige "einen Wandel der Selbsteinschätzung, den noch vor wenigen Jahren niemand für möglich gehalten hätte", begeistert sich Vorstandssprecher Klaus Wandelt von der Deutschen Physikalischen Gesellschaft. Der Bonner Wissenschaftssommer markiert in der Tat eine Zäsur: Nach langen Jahren der Zurückhaltung wagen sich die Forscher endlich mit unkonventionellen Aktionen an die Öffentlichkeit. Das Programm Wissenschaft im Dialog, das seit einem Jahr propagiert wird, trägt offenbar Früchte. Zum ersten Mal wurde bei einer solchen Veranstaltung auch bewusst der wechselseitige Austausch zwischen Forschern und den so genannten Laien gefördert. Auf dem Bonner Münsterplatz ebenso wie mit einem eigens organisierten Wissenschafts-Filmfestival, das mit Streifen wie Outbreak, Die Matrix oder Gattaca Diskussionen im Kinosaal provozierte.

Doch reichen solche Popularisierungskampagnen, seien sie noch so gelungen, um das Verhältnis der Öffentlichkeit zur Wissenschaft nachhaltig zu beeinflussen? Dieter Simon, Präsident der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften, hatte das in der vergangenen Ausgabe der ZEIT bezweifelt und der Wissenschaft ein demokratisches Defizit vorgeworfen: Vielen Bürgern fehle das Vertrauen, weil sie das Gefühl hätten, auf die Wissenschaft keinen Einfluss nehmen zu können. Der Einwurf hatte in Bonn zu heftigen Diskussionen geführt und war von den Veranstaltern mehrheitlich zurückgewiesen worden.

Doch auch Wissenschaft im Dialog-Organisator Joachim Treusch weiß, dass es mit einem einmaligen Feuerwerk der Wissensvermittlung nicht getan ist (siehe unten stehendes Interview). Vielmehr kommt es darauf an, ob und wie sich die Forscher auch im alltäglichen Wissenschaftsbetrieb mehr für die Belange der Öffentlichkeit interessieren.