"Ein Löwe", raunte Schumann, "die Krone auf dem Haupt, einen Splitter in der Tatze." Beethoven! Lange spielte man ihn so: aufblickend zu einem marmornen Monument, schwer, ernst, kündend. Als René Leibowitz die Sinfonien so schnell und wild dirigierte, wie die Metronomangaben des Komponisten es verlangten, blieb das eine Ausnahme. Als dann die Experten der historischen Aufführungspraxis über Mozart zu Beethoven vorgedrungen waren, änderte sich etwas Grundlegendes: Die Musik kündete nicht mehr, sie lernte sprechen. Und erzählte von Revolution und Werkstatt. Angestrengt wirkte Beethoven immer noch. Man hört offenbar gern, dass er es schwer hatte. Und nun kommt von der amerikanischen Westküste der Dirigent Michael Tilson Thomas, 55, der von den PR-Strategen gern als ein neuer Leonard Bernstein präsentiert wird, und führt eine ganz andere, pazifische Interpretation vor. Aufs Tourneeprogramm seines San Francisco Philharmonic Orchestra setzte er Beethovens Fünfte - und nie war sie so unschicksalhaft, so unangestrengt. Weder der Titan noch der Revolutionär waren zu hören, die Dramatik hatte nichts "Zwingendes". Sie entfaltete sich und ließ ins Weite blicken. Wie unter freiem Himmel bewegt sich das hellwache Ensemble, formt Spannungen, lässt sie aber auch immer wieder umschlagen zu Momenten reinen Da-Seins - als hätte ein Morton Feldman mitkomponiert. Da verdämmern Liegetöne im Pianissimo zur durchscheinenden Fläche, vor deren Zerreißen einem bangt, ein Klarinettist spinnt selbstvergessen feins

te Fäden aus Gold und hält doch eine ganze Modulation zusammen. In dieser Balance von Klang und Konstrukt nimmt man erst recht wahr, wie fantastisch reich an Bezügen diese Musik ist. Im Finale lacht der Geist, weil ihm so viel einfällt. Endlich mal musste Beethoven nichts erreichen. Nie klang er so herrlich arbeitslos.