Es gibt Bücher, die sind so kompliziert, dass nicht einmal ihr eigener Verlag sie versteht. Das führt dann dazu, dass sie mit einem völlig falschen Titel erscheinen. So wie das jüngste Buch des amerikanischen Altachtundsechzigers Jeremy Rifkin. Wir hätten den Fehler gar nicht bemerkt.

Aber der Autor selbst hat jetzt öffentlich darauf hingewiesen und davor gewarnt, sich vom falschen Titel täuschen zu lassen. In dem Buch Access. Das Verschwinden des Eigentums gehe es nämlich um alles, bloß nicht um das Verschwinden des Eigentums. Das ist freilich shocking. Bisher waren wir einfache Leser davon ausgegangen, dass das drohende Verschwinden des Eigentums tatsächlich die Hauptbotschaft des Buches sei. Aber vielleicht haben wir da ja was falsch verstanden. Oder aber der Autor versteht sein Buch nicht, was ja auch nicht so selten ist.

Unserer Ansicht nach lebt das Buch jedenfalls von der These, dass der Erwerb von Gütern immer mehr durch zeitlich begrenzte Verfügungsrechte ersetzt wird.

Heute reizt die Leute nicht der Besitz einer Harley-Davidson, sondern nur noch das Vergnügen, mit ihr über den Brenner zu preschen. Und dafür schließen sie einen Nutzungsvertrag fürs Wochenende ab. Um die leidige Putzerei brauchen sie sich dann auch nicht zu kümmern. Eine saubere Sache. Aber Rifkin, so wir ihn richtig verstehen, sieht hier die Grundlagen unserer Zivilisation im Schaumbad der Spaßgesellschaft untergehen. Weil, wenn bald alle ihre Harleys nur noch mieten und alles andere, was man so zum Leben braucht, ebenso, gebe es bald nur noch Miet- und Leasingverträge. Und nirgendwo mehr Eigentum. Das freilich wäre echt heiß - Kapitalismus ohne Eigentum?

Aber auf Rifkin hört heute ja keiner mehr. Zu oft hat er schon gewarnt. 1968 vor dem amerikanischen Kolonialismus. Später vor der Biotechnologie. Und vor der ökologischen Katastrophe. Und dann auch noch vor dem Verlust der Kreativität. So viel Ragnarök schadet der Glaubwürdigkeit. Dabei könnte er diesmal durchaus richtig liegen. Schließlich ist er nicht der Einzige, der die Selbstauflösung des Kapitalismus durch eine schleichende Abschaffung des Privateigentums voraussagt. Auch Karl Marx war davon überzeugt, dass die Reduktion des Eigentums auf ein Verfügungsrecht ein Schritt auf dem Weg zum Sozialismus sei. Deshalb sah er in Aktien nichts anderes als "die Aufhebung des Kapitals als Privateigentum innerhalb der Grenzen der kapitalistischen Produktionsweise selbst". Keiner will mehr ein Unternehmen haben, alle wollen sie nur Aktien. Und wenn die Kurse keinen Spaß mehr machen, kauft man halt andere Papiere. Marx scheint hier ganz ähnlich zu denken wie Rifkin. Aber vielleicht haben wir da ja wieder mal etwas falsch verstanden.