Mit Robert Lembke starb vor elf Jahren auch Was bin ich?, damals älteste Unterhaltungssendung des deutschen Fernsehens. Doch noch heute hat Elisabeth Gädgens, die ehemalige Redakteurin der Sendung beim Bayerischen Rundfunk, mit dem TV-Klassiker zu tun. Die typische Handbewegung der 54-Jährigen: Sie blättert in den Ordnern mit vergilbten Gästelisten. "Wir brauchen die alten Akten täglich", sagt Gädgens. "Leute von Jung bis Alt" rufen mit Detailfragen an, um das heitere Beruferaten daheim oder auf Feiern nachzustellen: "Die Nation spielt Was bin ich?".

Demnächst kann sie's auch wieder gucken. Kaum hatte der Bayerische Rundfunk Anfang des Jahres auf die Verlängerung der Lizenz verzichtet, begann Kabel 1 mit der Exhumierung und Reanimation des TV-Grufties. Ab 5. Oktober lässt der Privatsender die stubenreine Sau mal wieder raus.

Die zunächst zwölf neuen Folgen des alten Beruferatens, das Lembke einst bei der BBC entdeckte, entstehen in den modernen Fernsehindustrieanlagen von Hürth bei Köln. Wenige Meter neben dem stacheldrahtbewehrten Big-Brother-Container liegt Studio 6. Drinnen beginnt vor der bunten Kulisse mit erleuchteter Mini-Showtreppe ein röscher Praktikant derweil mit dem "Warm-up" des nicht mehr ganz so strahlend-jugendfrischen Publikums: Die mitgebrachten Butterbrote keinesfalls während der Sendung essen! Und: "Wenn Sie den Witz nicht verstanden haben, lachen Sie trotzdem mit!"

Da nahen Rateteam und Moderator. Recht geht man in der Annahme, dass sie schon bessere Tage gesehen haben. Als Lembkes Wiedergänger schlägt Björn-Hergen Schimpf, vor Jahren als Animator der Handpuppe Karlchen bekannt geworden, nun vor jeder Runde den Gong. Statt der besseren Herrschaften von einst - "Ratefuchs" Guido, Staatsanwalt Hans (der mit der Fliege), Ärztin Marianne (die mit der Goldkante) oder der Annett" (von Aretin) - nehmen Ex- und Noch-Promis Platz. Den Job bekamen schließlich: Ex-Samstag Nacht-Komödiantin Tanja Schumann. Exarbeitsminister Norbert Blüm, der von sich selbst sagt, dass er in der Politik "jenseits von Gut und Böse" sei.

Nochmittagstalkerin Vera In-Veen begrüßt schnell noch Ingeborg und Charlotte aus Berlin, zwei reife Damen aus dem Publikum, die ihrem Star schon seit zehn Jahren hinterherreisen. Die Vorlage lässt sich Harald Schmidts Expartner Herbert Feuerstein nicht entgehen: "Auch ich möchte jemanden begrüßen, aber es ist niemand da."

Alle Scherze und Frotzeleien ("Mein Gott, muss der immer lange überlegen") sind improvisiert - und damit billig. "Was ich da allein schon an Drehbuchautoren spare", freut sich Kabel-1-Unterhaltungschef Karsten Schlüter. Das alte Rateteam verspottet er als "Leute, die wie im Lyzeum nur antworten, wenn sie gefragt werden". Heutzutage sei dagegen "eine gewisse Anarchie gewollt". Mit weiterhin nur fünf Mark pro verneinter Frage, ein paar Reisekosten und etwa 1500 Mark Honorar pro Kopf für Rateteam und Moderator sind die Produktionskosten gnadenlos günstig. Dementsprechend findet ARD-Programmdirektor Günter Struve es "natürlich ein bisschen ärgerlich", dass er die Option auf die harmlose Billigsendung nun los ist. Auch dem trägen Ersten ist - theoretisch - nicht entgangen, dass die Quizshows, die "Jahre tot waren, plötzlich wiedergekommen sind".

Entsprechend hoch fliegen die Hoffnungen von Kabel 1. Zehn Prozent Marktanteil, heißt es intern. Ein ehrgeiziges Ziel für das Kleinkind aus Leo Kirchs Senderfamilie, das sich mit durchschnittlich 5,5 Prozent zufrieden geben muss. "Es ist genau der richtige Weg, nichts zu ändern", meint Kabel-1-Chef Paalzow, der mit dem Recycling ausgemusterter Formate (Glücksrad, Geh aufs Ganze!) gute Erfahrungen gemacht hat. Doch in Wahrheit geht es inzwischen völlig anders zu als zu der Zeit, zu der TV-Handwerker Lembke noch jeden Barmixer und Bauerndichter persönlich auswählte. Heute bekommt Moderator Schimpf einen Zettel mit den nötigsten Informationen in die Hand gedrückt. Mehr, sagt der TV-Fabrikarbeiter, will er über die Kandidaten nicht wissen. Es geht deutsch-bodenständig zu. Einen Bombenentschärfer, einen Knastpfarrer und einen Falkner gilt es diesmal zu erraten. Den Witz bezieht das Spiel wie eh und je aus Fragen, die nicht passen: "Könnte ich sagen - komm' Se mal zu mir, und machen Sie's bei mir?", will Vera vom drögen Bombenfachmann wissen.