Moskau

Wenn hinten im einstigen Turkestan die Völker aufeinander schlagen, dürften viele Europäer mit den Schultern zucken: Was hat das mit uns zu tun? Doch die Sorgen von Usbeken, Kirgisen, Kasachen und Tadschiken gehen, so abwegig das klingt, auch die Europäer an. Die Folgen des fernen Krieges werden auch sie spüren. Was geht vor in Zentralasien?

Wie schon im vorigen Jahr müssen sich Kyrgystan und Usbekistan auch in diesem Sommer der Angriffe islamischer Krieger erwehren. In kleinen, hoch mobilen, bestausgerüsteten Trupps fallen diese über die kaum zu kontrollierenden Berge ein und ziehen sich schnell wieder zurück. Die Regierungstruppen Kyrgystans und Usbekistans sind gegen die islamische Form des Blitzkriegs schlecht gerüstet. Sie können die beweglichen Kämpfer nicht über die Grenzen verfolgen. Ziel der Zermürbungsangriffe ist das Fergana-Tal in Usbekistan. In dieser dicht besiedelten Gegend werden Armut, Hass und Verzweiflung durch Radikalpredigten und die Repression des Taschkenter Regimes nur noch verstärkt.

Islam Karimow, der Gebieter über das kulturell kunterbunte Usbekistan, warnte stets vor den "Fundamentalisten". Der radikale Islam war der Popanz, den er brauchte, um die Opposition ins Ausland zu treiben. Karimows Prophezeiung erfüllt sich nun von selbst. Die Anführer der heiligen Krieger stammen aus dem Fergana-Tal und kehren heute schwer bewaffnet zurück. Sie rufen alle Erniedrigten und Beleidigten zum Kampf gegen die weltlichen Regime Zentralasiens auf. Spät, vielleicht zu spät, fördern diese als Gegenstrategie tolerantere Strömungen des Islam. Usbekistan setzt auf den Sufismus, der von Fundamentalisten als "Verschmutzung des Islam" verdammt wird. Wie tief aber der Sufismus in Zentralasien verwurzelt ist, zeigen zum Beispiel die Pilger am Grab von Baha ad-Din bei Buchara. Der Mystiker begründete vor 650 Jahren die Sufi-Brüderschaft der Naqshbandiyah.

Die kriegerische Islamische Bewegung Usbekistans hat deshalb ihre Basis nicht in den Scheunen heimischer Bauernhöfe, sondern im nahen Ausland. Natürlich lassen ihnen die radikalen Taliban in Afghanistan brüderliche Hilfe zuteil werden. Heikler noch ist die Rolle Tadschikistans, das selbst einen Bürgerkrieg hinter sich hat. Die Präsidenten Usbekistans und Kyrgystans beschuldigen das Nachbarland, den Kriegern Ausbildungsbasen und freies Geleit zu geben. Tadschikistans Präsident Emomali Rachmonow weist das zwar empört von sich, doch kann er das Gegenteil keinesfalls garantieren. Der Präsident ist längst Gefangener seiner Regierung der nationalen Versöhnung, in der ehemalige Feldkommandeure aus dem Bürgerkrieg das Innen- und Katastrophenministerium kontrollieren. Viele der tadschikischen Exguerrillas sympathisieren mit den usbekischen Exilkriegern, deren radikalislamische Visionen sie teilen. Vor allem jedoch sind sie Teilhaber am größten Geschäft der Region.

Und hier irrt Marx: Wichtiger noch als die Religion, "das Opium des Volkes", ist das Opium selbst. Drei Viertel der weltweiten Produktion stammen aus Afghanistan. Nördlich davon, im Kleinkrieg ums Fergana-Tal, kämpfen gut vernetzte Clans um freie Fahrt für ihr lukratives Exportgut Opium, den Grundstoff des Heroins. Während zentralasiatische Herrscher von der Wiedererrichtung der Seidenstraße träumen, bauen sie erfolgreich an ihren Drogen-Highways. Diese enden in den Bahnhofsvierteln Westeuropas. Geht Zentralasien die Europäer wirklich nichts an?