Mit jedem neuen Tag erfüllt sich für mich der schönste Traum. Es ist kein lang gehegter Kindheitstraum. Oder der eines tiefen Nachtschlafs, aus dem man nie erwachen möchte oder aber bei dem es einem mit dem plötzlichen Augenaufschlag durch den verwirrten Kopf schießt: Gott sei Dank, es war nur ein Traum. Nein, es ist einer dieser wirklichen Tagträume, der umso häufiger widerkehrt, je mehr gedankliche Freiräume das Leben bietet. Den ich mit offenen oder geschlossenen Augen, vor mich hin dösend, ins Leere schauend, in Gedanken versunken, im bewussten Unterbewusstsein träume. Er reproduziert meinen wichtigsten Wunsch - zu leben, lange zu leben.

Ich wollte immer alt werden, sehr alt. Jetzt bin ich es. Manchmal jedenfalls fühle ich mich so. Wahrhaben möchte ich es natürlich nicht. Wer will das schon. Ich verrenne mich oft in den Fehler, mich mit viel Jüngeren zu vergleichen. Wenn ich dann aber etwas nicht wie erwartet schaffe, frage ich mich enttäuscht: Wieso kannst du das jetzt nicht mehr? - Das konntest du doch noch vor zwanzig Jahren. Wenn es hier und da zwickt, fürsorgliche Hilfe unerlässlicher wird, das Zeitunglesen einem Rätselraten gleicht, weil die Buchstaben nicht entzifferbar sind, und die Fernsehbilder verschwommen flimmern, dann kann man leider nur noch schwer an der biologischen Realität vorbei.

Nie, hatte ich mir geschworen, lässt du dich an den Augen operieren. Was redeten meine drei Ärzte und die vier, fünf sehr guten, lebenswichtigen Freunde auf mich ein. Immer und immer wieder. Bis ich schließlich doch nachgab, meine Bedenken ignorierte, die furchtbare Angst überwand, möglicherweise nie mehr hell oder dunkel unterscheiden zu können. Zwei Jahre liegt das zurück. Erst wurde der graue Star am linken Auge beseitigt. Wenige Wochen später am anderen Auge. Wie gut, dass ich die Traute hatte. Für das Selbstwertgefühl war das ein Segen. Seither kann ich sehen wie vor dreißig Jahren. Mir kommt es vor wie ein Wunder. Nicht im Traum hätte ich das vermutet. Das Skatspielen macht wieder riesigen Spaß. Nicht nur, weil ich wieder öfter gewinne.

Mit dem Laufen habe ich jedoch einige Probleme. Kürzlich bin ich im Haus gefallen. Ich bin noch ein bisschen vorsichtig, fühle mich nur sicher beim Gehen, wenn ich mich abstützen kann. Deshalb lasse ich mich auch nicht, wie gewohnt, jeden Dienstag in die Firma fahren. Trotzdem bin ich bestens über alles informiert. Ohne meine Einwilligung werden keine Entscheidungen getroffen.

Was ich aber noch mehr vermisse als mein gemütliches Büro im Hamburger Stadtteil Wandsbek, ist der Hochsitz in der Lüneburger Heide. Unzählige Abende, Nächte kauerte ich bei Wärme, Wind und Regen auf dem bequemen Holzgerüst. Meine Frau begriff mich darin als Einzige. Sie schickte mich selbst an meinen Geburtstagen auf die Jagd. Sie wusste genau, dort bin ich glücklich. Erst zu Jahresbeginn habe ich die Pacht für das Revier verlängert.

Ob ein Keiler oder Bock sich abschussbereit präsentierte, war zweitrangig.

Dort oben fand ich zu mir selbst, spürte ich, welch angenehmes Empfinden es auch sein kann, mit sich allein zu sein. Kein Protokoll, kein Empfang, keine Etikette, kein Trubel - nichts konnte ich falsch machen. Ich war einfach ich.