Drei Jahre ist es erst her, dass Constant, ein Rübezahl mit grauem Pferdeschwanz und einem schiefen Piratenlächeln, mit seinem Sohn Moana als Partner das Wagnis der Perle einging. Vorher war er Nachtklubbesitzer in Tahiti, dann Bauunternehmer und Hühnerfarmer im benachbarten Raiatea. Als die Perle immer mehr von sich reden machte, als sich Zuchtexperimente auf den Inseln Bora-Bora und Marutea als erfolgreich erwiesen, war es für Constant wieder Zeit, das Metier zu wechseln. Jetzt, erklärt er in einem plötzlichen Anfall von Poesie, »ist der Ozean mein Feld und das Boot mein Traktor«.

Constants ferme perlière liegt vor der Insel Tahaa, die sich mit ihrer Schwester Raiatea eine wunderschöne türkisfarbene Lagune teilt und nur mit dem Boot erreichbar ist. Drei Viertel der kleinen Familienfarm liegen, für uns unsichtbar, unter Wasser - nur bezeichnet durch rote Bojen, die auf der Oberfläche tanzen und die langen Stränge markieren, an denen Tausende von Pinctada margaritifera, von Constant und seinen drei Mitarbeitern sorgfältig aufgeknüpft, im lauwarmen Wasser hängen. Constant importiert seine Austern vom dem nahe liegenden Tuamotu-Archipel, wo man die Aufzucht der Jungtiere inzwischen perfektioniert hat.

Der Rest der Farm wirkt auf den ersten Blick alles andere als romantisch. Ein blassblau angestrichenes Holzhüttchen, aus dem ein Transistorradio polynesische Weisen blökt, steht auf Stelzen am Rande der Lagune. Auf dem Steg davor sind ein paar Männer in dicken Handschuhen und Gummischürzen dabei, mit Wurzelbürsten die grauschwarzen Pinctada von ihrer ruppigen Oberfläche zu befreien. Das blaue Hüttchen, so stellt sich heraus, ist das Herz des Unternehmens. Hier sitzen die greffeurs, die Pfropfer, die mithilfe eines kunstvollen Eingriffs die schwarze Muschel überhaupt erst dazu bringen, eine Perle zu produzieren. Mit wenigen gezielten Handgriffen setzt der greffeur dem mit einem Holzpflock nur einen Spalt geöffneten Tier einen künstlichen Nukleus und dann ein winziges Stück dunkles Muschelgewebe ein. Bis zu 30 Prozent der operierten Muscheln überleben den Eingriff nicht. An die 40 Prozent stoßen den lästigen Eindringling schnell wieder aus. Die übrigen 30 Prozent wehren sich auf andere Weise: Sie suchen den Fremdkörper zu isolieren und überziehen ihn - sehr zur Freude des Perlenfarmers - mit mehreren Schichten von Perlmutt, dessen Farbe von dem mit eingesetzten Gewebestück bestimmt wird. Bis zu dreimal kann eine Auster eine Perle austragen, dann hat sie ausgedient.

Die beiden schmächtigen Ostasiaten in Constants Hüttchen würdigen uns keines Blickes und werkeln wortlos an den vor ihnen festgeklemmten Muscheln. Konzentration ist in diesem Beruf alles, und sie macht sich bezahlt. Ein virtuoser Pfropfer kann pro Tag 500 Muscheln operieren und dann mit 1000 Dollar in der Tasche nach Hause gehen. Bei Constant sieht man das typische Bild: Die greffeurs sind ein Japaner und ein Chinese, die Schwerarbeit - das Schrubben und sonstige Pflegen der Austern - wird von den wesentlich schlechter bezahlten Polynesiern erledigt. »Auf die ist kein Verlass«, erklärt mir später ein anderer Perlenfarmer. »Sie erscheinen nur sporadisch zur Arbeit, und wenn sie Streit mit ihren Frauen haben, kommen sie überhaupt nicht.«

Nach ein paar Stunden auf der schwimmenden Farm habe ich genug vom scharfen Geruch der Schalentiere. Wo ist die kostbare Ernte, die poe rava? Eine lange Bootsfahrt später, auf der Nachbarinsel Raiatea, lässt Constants Sohn Moana sie endlich über den Küchentisch kullern: bleigrau, anthrazitfarben, tiefgrün, gelblich-golden. Die wertvollen 8-way rollers, so vollendet rund, dass man sie in alle Richtungen rollen kann. Andere, die birnen- und tropfenförmig aus dem Säckel kullern. Die circle pearls mit ihren horizontalen Rillen, die wie Brummkreisel über den Tisch rotieren.

Als Moana seine Ernte präsentiert, stolz wie ein Farmer auf seine Maiskolben, muss ich an das mühselige Perlentauchen von früher denken. Mit diesem grausamen Geschäft, das viele Taucher das Leben kostete und die Austernbänke ganzer Atolle verwüstete, ist es Gott sei Dank vorbei. An die 15 000 Austern mussten geöffnet werden, um eine einzige Perle zutage zu fördern. Kein Wunder, dass die seltene Schwarze bald den Namen »Perle der Königinnen« weghatte und Power-Queens wie Elisabeth I. von England und Katharina die Große sich mit ihr schmückten. Gern überlasse ich die Kronjuwelen und die kostbaren Runden den Königinnen. Mir steht der Sinn nach knubbeligem Barock, am liebsten nach den geheimnisvollen keshi. Diese winzigen Individualisten unter den Perlen haben schon früh ihren Nukleus abgestoßen und auf eigene Faust eine free-form-Perle gebildet. Doch Constant hat keine von den kapriziösen kleinen Dingern anzubieten. »Sie sind für den Perlenfarmer nicht lukrativ.« So erstehe ich eine Birne und eine tropfenförmige poe rava aus erster Ernte - beide anthrazitgrau mit herrlichem Lüster, der eine Spur von Grün herbeizaubert. Und fliege noch am Abend nach Tahiti zurück - in die Hauptstadt Papeete, Sprungbrett für alle Inselabenteuer.

Perfekt? Knubbelig-barock ist interessanter