Als die vierzig Jahre lang getrennten deutschen Wissenschaftskulturen nach 1990 wieder zusammenzuwachsen begannen, stellten die westdeutschen Sendboten bei ihren Besuchen an den Universitäten in Rostock, Jena oder Ost-Berlin nicht selten überrascht fest, dass dort der Rektor noch als Magnifizenz und der Dekan als Spektabilität angeredet wurden. Mehr Klang als in der bürgerlichen Bundesrepublik besaß die Anrede "Professor" im sozialistischen Arbeiter-und-Bauern-Staat, und von Albert Schreiner bis Kurt Hager reicht die Liste politischer Funktionäre, die sich im SED-Staat mit dem Titel schmückten.

Dem unbekannten Wesen des sozialistischen Gelehrten ist Ralph Jessen nun mit seiner Habilitationsschrift über die ostdeutsche Hochschullehrerschaft in der Ulbricht-Ära nachgegangen. Sie erörtert das Spannungs- und Ausgleichsverhältnis zwischen akademischer Elite und kommunistischer Diktatur aus einer Perspektive, die weit in die Zeit vor 1945 zurückreicht. Gestützt auf gruppenbiografische Erhebungen für insgesamt 721 Hochschullehrer an den Universitäten Berlin, Rostock und Leipzig, zeichnet Jessen ein überaus dichtes Bild des Wandels einer bürgerlichen Bildungselite zur sozialistischen Intelligenz.

Nicht überraschend ist seine Erkenntnis, dass der Umbruch von 1945 und die anschließende Stalinisierung der ostdeutschen Wissenschaften einen in der Geschichte der deutschen Universität in vieler Hinsicht beispiellosen Kontinuitätsbruch bedeutet und zu einer förmlichen Neukonstruktion des akademischen Berufs geführt hat. Die Zahl der ostdeutschen Hochschullehrer sank zwischen dem Wintersemester 1944 und dem Sommersemester 1947 um nicht weniger als zwei Drittel, und in einzelnen Fächern wie Medizin oder Rechtswissenschaften überlebte kaum jeder siebte Professor oder Dozent in seinem Amt.

Wo aber kamen ihre Nachfolger her? Bis in die späten fünfziger Jahre war die Personaldecke für einen Elitewechsel dünn. Jessens Erhebung zeigt, dass die zusammengeschmolzene Fraktion der noch aus der Weimarer Republik stammenden Hochschullehrer zunächst notdürftig durch emeritierte Gelehrte ergänzt wurde, die aus dem Ruhestand an das Katheder zurückkehrten, und zu einem sehr geringen Teil auch mithilfe von West-Berufungen. Das Gros der Newcomer aber bestand aus den 1945/46 wegen ihrer Nähe zum NS-Staat entlassenen Professoren. Spätestens seit 1948 hatte die Mobilisierung der Kräfte in der deutsch-deutschen Systemauseinandersetzung den Willen zur antifaschistischen Säuberung auf breiter Front verdrängt, und seither wuchs der Anteil ehemaliger Nationalsozialisten im universitären Lehrkörper rasch: 1948 wiesen 12 Prozent der Professoren an den Universitäten Rostock, Leipzig und Berlin eine frühere NSDAP-Zugehörigkeit auf, 1951 waren es schon 20 Prozent und 1961 sogar knapp 30 Prozent. Unter umgekehrten Vorzeichen erlebte damit auch die ostdeutsche Hochschule wie ihr westdeutsches Pendant eine massive Nachkriegsrestauration.

Nicht der Systemwechsel nach 1945 und auch nicht der von Stalin ausgerufene Sturm auf die Festung Wissenschaft zerstörte mit dem radikalen personellen Austausch auch schon die entscheidenden Traditionsbindungen der ostdeutschen Universität, wie Jessen überzeugend auch an dem Rückgriff der SED auf das nationalsozialistische Habilitationsrecht vor Augen führt. Aus ihm übernahm sie nach kurzer Frist nicht nur den 1934 eingeführten Grad eines Dr. habil, sondern vor allem auch die Trennung zwischen der akademischen Kontrolle der Lehrbefähigung und der staatlichen Kontrolle der Lehrbefugnis, und dies in einem solchen Maße, dass die Habilitation als Zugangsvoraussetzung zu einer Professur in der DDR 1970 gänzlich abgeschafft wurde und als "Promotion" zu einem bloßen akademischen Schmuckgrad herabsank.

Entbürgerlicht, aber nicht proletarisiert

Auch in der Hochschullehrerschaft wurde erst der 13. August 1961 zum Tag der inneren Staatsgründung. Der Mauerbau setzte der Abwanderung in den Westen und der offenen Konkurrenz mit der westdeutschen Wissenschaft ein Ende. Vorbei war die Zeit der gut dotierten Einzelverträge, mit denen die DDR-Regierung besonders in den Naturwissenschaften fachliche Kapazität im Osten zu halten versuchte