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Spree heißt der Fluss zwischen Friedrichshain und Kreuzberg an seinem nördlichen Ufer stand 28 Jahre lang eine Mauer. Niemand sollte den Fluss überqueren wer es versuchte, riskierte sein Leben. Die einzige Brücke von der einen Seite zur anderen blieb für Autos und Züge gesperrt. Nur Fußgänger durften sie benutzen. Sie mussten über viel Geduld verfügen und einen gültigen Ausweis haben, sie mussten Eintritt zahlen und rechtzeitig wieder zurücksein, sonst bekamen sie Schwierigkeiten.

Lang, lang ist das her. Im November 1989 gab es ein großes Hallo, niemand wollte die Mauer mehr ernst nehmen. In Friedrichshain wurde sie bunt bemalt und als East Side Gallery so berühmt, dass sie jetzt sogar restauriert wird.

Längst fahren Autos und U-Bahnen wieder über die Oberbaumbrücke, die nun nicht mehr zwei Systeme trennt, sondern zwei Stadtteile verbindet. Und alles wäre ganz wunderbar, wenn nicht ...

Wenn nicht schon wieder Vereinigung wäre! Am 1. Januar 2001 werden der Ostberliner Bezirk Friedrichshain und der Westberliner Bezirk Kreuzberg zwangsfusioniert. Künftig ein Bezirksbürgermeister, eine Bezirksverordnetenversammlung, eine Bezirksverwaltung, ein Bezirkszungenbrecher: Friedrichshain-Kreuzberg.

Die 90 000 Friedrichshainer und 100 000 Kreuzberger hätten dieser Vereinigung nie und nimmer zugestimmt. Aber sie sind das Volk, nicht die Volksvertretung.

Und das Berliner Abgeordnetenhaus hat 1997 nun einmal in großer Koalition beschlossen, die Zahl der Bezirke zu halbieren, um Geld zu sparen.

100 000 Kreuzberger? Da gehe es schon los!, sagt der Nochbürgermeister von Kreuzberg, Franz Schulz von den Grünen. 100 000 passdeutsche Kreuzberger hinzu kämen 50 000 nichtpassdeutsche Kreuzberger, vornehmlich Türken, von denen viele nie woanders gelebt haben. Will sagen: Jeder dritte Einwohner Kreuzbergs darf nicht wählen. Das ist ziemlich undemokratisch. Aber die Wiedervereinigung wurde ja auch nicht für die Türken gemacht.

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Hätten die Türken Stimmrecht, auch sie wären wohl gegen die Fusion mit dem Osten viele, gerade ältere, fahren ja nicht mal rüber, aus Angst, verprügelt zu werden.

Die Oranienstraße im Herzen Kreuzbergs: "O wie Orient und Olive, O wie Opium, Osmane und Ouzo. In der O-Straße gewinnt jeder Oberwasser, der offensiv obrigkeitsfeindlich eingestellt ist" - so schwärmt das Septemberheft der Kreuzberger Chronik. Ob dieses Selbstbild noch zutrifft? Kreuzberg kam als Mauerblümchen zur Blüte seit zehn Jahren bläst der rauhe Wind des Wandels hinein.

Da ist der türkische Rewe-Markt Ecke Cuvrystraße/Wrangelstraße, vor dem sich die deutschen Obdachlosen morgens um sieben zum ersten Bier einfinden heiter grüßen sie am späten Vormittag die Intellektuellen, die sich zum Frühstück Sesamringe und Le Monde holen. Zweihundert Meter weiter vor Kaiser's Supermarkt geht es weniger familiär zu. Die ewig Durstigen erleichtern sich am Altglascontainer, grölen Passanten um Kleingeld an, und zu vorgerückter Stunde schafft es mancher nur noch auf allen vieren über die Straße.

Die Mieten steigen, die Armut wächst, und die jungen Wilden, die aus Restdeutschland Berlin zuströmen, siedeln sich lieber am Prenzlauer Berg an, in Mitte und jüngst auch in Friedrichshain - im früheren Osten, wo die Häuser noch schäbig sind und die Wohnungen so gut wie nichts kosten.

Der typisch grün-alternative Kreuzberger ist unterdessen grau geworden - wie der Bürgermeister. Franz Schulz, 52, Physiker, ein Mann vom Aussehen, aber nicht vom Temperament Harald Schmidts, residiert im Rathaus an der Yorckstraße. Der seit den fünfziger Jahren portionsweise errichtete Schachtelbau ist ziemlich miefig, was am nicht endenden Strom der Bedürftigen liegt.

Die Pressestelle kann nicht mit einem Hochglanzprospekt dienen, wie ihn heute jedes Provinzkaff tausendfach verschickt, um sich der Welt als Start-up-Community zu empfehlen, sondern reicht stattdessen einen falben Recycling-Umschlag heraus. Darin Statistiken des Schreckens: die meisten Arbeitslosen und Sozialhilfeempfänger Berlins, die niedrigsten Einkommen. Und von der geringsten Lebenserwartung hat man ja schon in den Zeitungen gelesen.

Selbst Friedrichshain seinen Stasi-Rentnern und 10 000 Ausländern, den Polen, Russen und bosnischen Flüchtlingen, steht besser da.

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Vom Kreuzberger Rathaus zum Friedrichshainer Rathaus führt der Weg über die Oberbaumbrücke, die man das Einzige nennen kann, was die beiden Stadtteile außer ihrer Armut verbindet. Luftlinie mögen es nur ein paar Kilometer sein unterwegs ist man bis zu einer Stunde. Weshalb beide Rathäuser bestehen bleiben sonst gäbe es eine Transitstrecke von Sozialhilfebeziehern über die Spree hinweg.

Ein Hitler-Abend in der früheren Stalin-Allee Das Friedrichshainer Rathaus befindet sich in der Verlängerung der Karl-Marx-Allee, deren Zuckerbäckerarchitektur gerade aufs prachtvollste wiederhergestellt worden ist. Nirgends glänzt der Osten so sehr wie im Westen! Leider stehen viele Geschäfte leer. Für den Juli bestellten die Investoren bei der Charlottenburger Event-Agentur Friends & Sons ein viertägiges Happening: marx.attrax. Es kamen Tausende. Höhepunkt der organisierten Begeisterung in der einstigen Stalin-Allee war ein Hitler-Abend. Serdar Somuncu trug die schönsten Stellen aus Mein Kampf vor.

Das hatte was!

Das Friedrichshainer Rathaus ist ein Neubau in Blau und Weiß, mit Shopping Center im Eingang und desodorierten Fluren. Nirgends glänzt der Westen so sehr wie im Osten! Der neue, noch zu wählende Bürgermeister sitzt Marlboro rauchend hinter seinem Schreibtisch und scharrt nervös mit den Füßen. Dieter Hildebrandt, 44, Sportstadtrat, steht unter Beschuss. Seit einer Woche schreiben ihn die verbissen konkurrierenden Zeitungen Berlins in einen Skandal hinein. Dabei geht es nicht um seine Zeit als Parteisekretär der SED, von der er mutig sagt, man müsse auch für die Vergangenheit Verantwortung übernehmen. Nein, er hat die Errichtung einer kommunalen Sporthalle zusammen mit einem zwielichtigen Investor betrieben. Friedrichshainer Handwerker fordern ihr Geld, und jemand aus dem PDS-Umfeld füttert die Presse. Noch bin ich nicht Bürgermeister, und schon werde ich es nicht mehr werden - so ungefähr muss es in ihm zugehen.

Hildebrandt hat nicht das Format von Schulz. Trotzdem hat sogar Schulz Hildebrandts Kandidatur unterstützt, nachdem die Kreuzberger SPD einen Schwenk zur PDS vollzog. Auch davon sind die Zeitungen voll: eine rot-rot-grüne Koalition in Berlin! Zehn Jahre nach der Wiedervereinigung der erste PDS-Bürgermeister im Westen!

Blankes Entsetzen bei der Kreuzberger CDU: Erst die Bombennächte, das Steineklopfen und die Teilung, dann die Hausbesetzer, die Grünen und die Türken. Und ausgerechnet jetzt, da alles überstanden schien, das Joch eines kommunistischen Bürgermeisters! Das will sich die CDU nicht bieten lassen. In einem dramatischen Aufruf zur Vernunft beschuldigt sie die SPD, den Grundkonsens der Demokratie einmal mehr verraten zu haben.

Die Aufregung der CDU relativiert sich etwas, wenn man bedenkt, dass nach der Berliner Verfassung alle großen Fraktionen Stadträte stellen. So werden PDS und CDU in jedem Fall an einem Tisch sitzen. Ob ein PDS-Stadtrat sich dann auch noch Bürgermeister nennen darf ...

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Die Postkommunisten stellen in Friedrichshain die stärkste Fraktion, die Grünen in Kreuzberg. Das ist schon eine verwirrende politische Ausgangslage.

Erschwerend kommt hinzu, dass sich die Kreuzberger Grünen mit den Kreuzberger PDS-Leuten ganz gut verstehen, weil nicht wenige von denen früher Grüne waren. Die prominenteste PDS-Abgeordnete hingegen, Michaela Lindner, ist vor ihren eigenen Genossen in den Westen geflohen. Als Norbert Lindner war sie PDS-Bürgermeister von Quellendorf in Sachsen-Anhalt - bis zu ihrer sexuellen Wende 1998.

In Friedrichshain ist das Verhältnis zwischen PDS und Grünen extrem gespannt: Die einen waren in der SED, die anderen Bürgerrechtler. Lars Liepe, Sprecher der Friedrichshainer Grünen, möchte den nach seiner Ansicht völlig ungeeigneten Hildebrandt lieber heute als morgen verhindern. Ob die traditionelle Ost-PDS mit der teilweise transsexuellen West-PDS, die rebellischen Ost-Grünen mit den volksfrontverliebten West-Grünen klarkommen, das bleibt abzuwarten.

Monatelang diskutierten die Verwaltungen die Frage, wo denn der künftige Bürgermeister des Berliner Armenhauses seinen Dienstsitz haben solle: hüben oder drüben. Alle Sachargumente wurden noch und nöcher geprüft am Ende war über alle ideologischen Grenzen hinweg erkennbar: Die Kreuzberger wollten den Sitz in Kreuzberg, die Friedrichshainer in Friedrichshain. Deshalb schlug der noch amtierende SPD-Bürgermeister von Friedrichshain, Helios Mendiburu, einen Münzentscheid vor. Der grüne Bürgermeister Schulz akzeptierte. Kreuzberg hatte die Wahl und setzte wohl erstmals in seiner linksalternativen Geschichte auf den Bundesadler. Der Leiter des Kreuzberger Rechtsamtes durfte das Fünfmarkstück werfen, es kam die Zahl. Während die Friedrichshainer ihren Triumph still auskosteten, hatten die Unterlegenen sichtlich Mühe, das Ergebnis zu verkraften. Dem Kreuzberger Bürgermeister trug seine Zustimmung zum Losverfahren obendrein eine förmliche Rüge der Bezirksversammlung ein, zu der es wohl nicht gekommen wäre, wenn sich der Adler gezeigt hätte.

Dabei ist es für die Kreuzberger sogar besser, wenn der neue Bürgermeister im Osten sitzt. Denn im Gegenzug tagt die neue Bezirksversammlung im Westen, und auch die Behörden mit viel Publikumsverkehr sollen dableiben.

Die Schicksals-Münze (Berliner Zeitung) ist jedenfalls zur ersten Reliquie des Zungenbrecherbezirks aufgestiegen am Bundesadler festgeklebt auf einer Art Urkunde, ruht sie im Tresor des Kreuzberg-Museums in der Adalbertstraße.

Irgendwann wird ihre Zeit kommen. Dann wird sie einen würdigen Platz erhalten und noch Generationen von türkischen Besuchern an eine sehr deutsche Episode der wechselvollen Geschichte Kreuzbergs erinnern.