Marion Dönhoff zu Fragen der Zeit

Was in Korea passiert, geht uns alle an

Nord- und Südkorea sind weit weg - "interessiert mich nicht, was da passiert", sagen die meisten Leute. Aber, liebe Freunde, nicht so voreilig. Es gibt kaum einen anderen Flecken auf dieser Erde, kaum ein anderes Ereignis wie die in diesem Jahr begonnenen Versöhnungsgespräche, die mehr Menschen auf der Welt Erleichterung bringen können. Wieso das?

Es hängt mit dem Thema Landminen zusammen. Zwischen den beiden verfeindeten Koreas gibt es entlang der Demarkationslinie auf der ganzen Länge der Grenze einen 200 Meter breiten Streifen, der übersät ist mit verborgenen Landminen. Man rechnet, dass es sich um etwa eine Million dieser teuflischen Dinger handelt. Die beiden Koreas sind so hermetisch voneinander abgeschottet, wie es nicht einmal zwischen Ost- und Westdeutschland der Fall war. Seit dem Koreakrieg, also 50 Jahre lang, gab es keine Beziehungen zwischen ihnen.

Insgesamt existieren in der Welt 60 bis 70 Millionen Tretminen, die in mehr als 60 Ländern vergraben sind. Sie verursachen jährlich den Tod oder die Verstümmelung von etwa 20 000 Menschen. In 90 Prozent der Fälle handelt es sich um Zivilisten, unter ihnen etwa ein Drittel Kinder.

Im Jahr 1997 wurde in Ottawa ein Vertrag geschlossen, der die Produktion, den Verkauf und Gebrauch dieser Waffe verbietet. Innerhalb von vier Jahren sollen alle Waffenvorräte vernichtet werden. 136 Staaten haben den Vertrag unterzeichnet, 100 von ihnen haben ihn auch bereits ratifiziert. Aber Washington verweigert strikt seine Unterschrift, mit dem absurden Argument, die Minen seien unentbehrlich, um die 35 000 US-Soldaten in Südkorea zu schützen.

Inzwischen bahnt sich eine Versöhnung der feindlichen Brüder an: Mitte Juni trafen sich in Pyöngyang erstmals die beiden Staatsoberhäupter, die sich auf vertrauensbildende Maßnahmen und vorsichtige Schritte zur Wiedervereinigung geeinigt haben. Hohe Delegationen kommen seither zusammen, Südkorea hat nordkoreanische Gefangene entlassen und will einen militärischen "heißen Draht" einrichten, in Sydney zogen die beiden koreanischen Mannschaften unter einer Fahne ins Olympiastadion ein; schließlich hat - was bislang unvorstellbar war - ein amerikanisches Unternehmen ein Joint-Venture in Nordkorea begründet.