Der EU-Kommissionspräsident Romano Prodi hat zu Beginn des neuen Jahrhunderts den Staats- und Regierungschefs der Europäischen Union vorgeschlagen, eine Debatte über die Grenzen Europas zu beginnen. Jacques Delors hat dazu bemerkt, eine solche Debatte sei gefährlich, ihr Ende nicht absehbar. Statt dessen seien ganz andere Fragen vordringlich, nämlich: Was können, was wollen wir zusammen tun? Wollen die Europäer eine Rolle in der Geschichte spielen oder nicht? Wie muß die EU der Fünfzehn umgestaltet werden?

Diese Fragen sind berechtigt. Antworten der Staats- und Regierungschefs sind unter der unendlichen Flut von Absichtserklärungen und Papieren vorerst jedoch nicht zu erkennen. Delors hat deshalb schon vor langem vor einer übereilten Erweiterung der EU gewarnt und die Mahnung hinzugefügt, die Erweiterung müsse unter geopolitischem Aspekt erfolgen. In der Frage nach den geopolitischen Kriterien taucht die Frage nach den zukünftigen Grenzen der Union freilich wieder auf.

Mich hat der Disput an die Zeiten von Charles de Gaulle erinnert. Einmal hat er vom "Europa vom Atlantik bis zum Ural" gesprochen; das war Schulbuch-Geographie, politisch ergab das Wort keinen Sinn, denn es teilte Rußland - damals die Sowjetunion - in zwei Teile. Aber de Gaulle hat auch vom "Europa der Vaterländer" gesprochen. Dieses Wort hat mir damals gefallen. Es gefällt mir heute noch. Denn ich glaube, daß wir Europäer noch sehr lange unser jeweiliges Vaterland brauchen und daß wir deshalb noch sehr lange am Prinzip des Nationalstaates festhalten werden. Wir brauchen innerhalb der Europäischen Union unseren Nationalstaat. Ist es aber nicht auch an der Zeit, neben unserer jeweiligen nationalen Identität eine gemeinsame europäische Identität zu definieren und sie in unser Bewußtsein aufzunehmen?

Tatsächlich gibt es seit langem eine sehr weit reichende gemeinsame Identität. Sie ist für Menschen aus anderen Erdteilen oftmals allerdings leichter zu erkennen als für uns Europäer selbst. Sie bezieht sich zunächst auf die Kultur im engeren Sinne: Religion, Philosophie, Wissenschaften, Literatur, Musik, Architektur, Malerei. Sodann umfaßt sie die politische Kultur, basierend auf den Idealen der Würde und der Freiheit der Person sowie gleicher Grundrechte. Es ist die Kultur der demokratischen Verfassungen, des Rechtsstaates mit geordnetem privaten und öffentlichen Recht bei strikter Trennung zwischen weltlicher Macht und Kirche. Es ist die Kultur des Wohlfahrtsstaates und des Willens zu sozialer Gerechtigkeit. Die gemeinsame Identität umschließt die wirtschaftliche Kultur des privaten Landwirts, Unternehmers oder Kaufmanns, des freien Marktes, der freien Gewerkschaften, des zuverlässigen Geldwertes - und des gesetzlichen Schutzes vor Ausbeutung der Arbeitnehmer durch Arbeitgeber und der Verbraucher durch Kartelle oder Monopole.

Ohne mich auf das Terrain der Geschichtsphilosophie wagen zu wollen, möchte ich darauf hinweisen, daß die kulturelle Gemeinsamkeit der Europäer auch gemeinsame Irrtümer und Sünden einschließt. Wir verdrängen gern einige sehr unerfreuliche Tatsachen. Zum Beispiel die Tatsache, daß der Aufklärung Jahrhunderte der gewalttätigen Kreuzzüge vorangegangen sind, Inquisition, Verbrennungen von sogenannten Ketzern und angeblichen Hexen, Folterungen, antisemitische Pogrome und andere gemeineuropäische Scheußlichkeiten.

Dieser Negativ-Liste steht freilich eine sehr viel längere Positiv-Liste gegenüber. Auf ihr finden sich die gemeinsamen griechischen, römischen und christlichen Elemente unserer Kultur, die wir im Laufe von über eintausend Jahren schrittweise verinnerlicht haben, einschließlich des lateinischen Alphabets und seiner Buchstabensymbole. Dazu gehören die seit dem Hochmittelalter über ganz Europa sich ausbreitende Institution der Universität und, seit gut zwei Jahrhunderten, die allgemeine Schule für jedermann. Vor allem aber der allgemeine Wille, voneinander zu lernen. Tatsächlich hat es in keinem anderen Erdteil jemals ein so hohes Maß an gegenseitiger Beeinflussung und Befruchtung zwischen Völkern sehr verschiedenen Ursprungs und sehr verschiedener Sprachen gegeben.

Es wäre zu wünschen, daß wir - dem Appell Fritz Sterns folgend - endlich von einer im wesentlichen nationalen Geschichtsschreibung wegkommen und zu einer gemeinsamen europäischen Geschichtsschreibung gelangen. Sie sollte sich nicht mit der Ereignisgeschichte begnügen, sondern ebenso die gemeinsame Evolution der Kultur anschaulich machen. Dann wird sich zeigen: Die Europäische Union ist zwar durchaus eine "Rechtsgemeinschaft", wie heute vielfach gesagt wird. Aber sie reicht viel weiter.