Ginge es nach Nietzsche, besäße der Mensch zwei Hirnkammern, "einmal um Wissenschaft, sodann um Nicht-Wissenschaft zu empfinden". "Im einen Bereiche liegt die Kraftquelle, im anderen der Regulator: mit Illusionen, Einseitigkeiten, Leidenschaften muss geheizt werden, mit Hülfe der erkennenden Wissenschaft muss den bösartigen und gefährlichen Folgen einer Ueberheizung vorgebeugt werden." Es geht aber nicht nach Nietzsche. Die Wissenschaft des Geistes und der Gesellschaft hat einen schweren Stand. Das trockene Brot der Theorie ist allzu schwer verdaulich, als dass sich mit ihm die erlebnishungrigen Mägen der meisten Zeitgenossen füllen ließen.

Der Grund hierfür liegt nicht nur in einem wachsenden Mangel an Muße und Aufmerksamkeit, die zur Beschäftigung mit dem zähen Stoff der Wissenschaft erforderlich sind. Es fehlt auch das Bewusstsein, dass die theoretische Behandlung von Lebensfragen überhaupt zu ihrer Lösung beiträgt. Eine Befürchtung, die schon Max Weber hegte: "Daß man schließlich in naivem Optimismus die Wissenschaft, das heißt: die auf sie gegründete Technik der Beherrschung des Lebens, als Weg zum Glück gefeiert hat", dies glaube "außer einigen großen Kindern auf dem Katheder oder in den Redaktionsstuben" niemand mehr.

Umso wagemutiger erscheint die Neugründung des Velbrück Wissenschaftsverlags, der im letzten Herbst aus der Taufe gehoben wurde und nun sein zweites Programm vorlegt. Gesellschafter des Unternehmens sind der Wallstein-Verleger Thedel von Wallmoden, zusammen mit Andreas von Stedman Gründer der Velbrück-Versandbuchhandlung, sowie die früheren Suhrkamp-Lektoren Horst Brühmann und Friedhelm Herborth, die für den Inhalt verantwortlich sind, von Frankfurt aus die Manuskripte bearbeiten und am PC den Satz erstellen, der per CD-ROM zum Druck nach Göttingen geht. Die schlanke Produktion macht niedrige Kosten und kurzfristige Planungen möglich, angepeilt sind pro Jahr etwa 20 Titel in einer Erstauflage von 1000 bis 2000 Exemplaren.

Ursache der Neugründung waren gravierende Meinungsverschiedenheiten zwischen Herborth und dem Suhrkamp-Verleger Siegfried Unseld über die Umstrukturierung des dortigen Wissenschaftsprogramms, das stärker der populären Zeitdiagnose und einem eleganten Essayismus verpflichtet werden sollte, anstatt die Tradition der elaborierten Theorie fortzusetzen, für die Herborths Name 25 Jahre lang stand. Der Dissens mündete Ende 1998 in die Trennung. Einige Suhrkamp-Autoren finden sich nun im Velbrück-Programm wieder. Gleichwohl geht es nach Auskunft der beiden Lektoren nicht darum, Suhrkamp Konkurrenz zu machen. Das Ziel bestehe vielmehr darin, über die Disziplingrenzen hinweg ein "Forum für die Weiterentwicklung der Humanwissenschaften" zu schaffen, die sich nicht in Detailanalysen verstricken, sondern durch "Anschlussfähigkeit" an soziale Entwicklungen gekennzeichnet sind und auch "ein breiteres Publikum" erreichen sollen.

Schaut man sich die vorliegenden Bücher und die ersten des Herbstes an, lassen sich drei wesentliche Tendenzen im Verlagsprogramm ausmachen. Da ist zum einen der Wechsel von der normativen zur hermeneutischen Gesellschaftstheorie, die aus der Binnenperspektive der Handelnden das komplizierte Räderwerk sozialer Interaktionen zu beschreiben versucht. Beispielhaft hierfür sind die Arbeiten von Andreas Reckwitz und Klaus Wahl, in denen das menschliche Sozialverhalten nicht auf zweckrationale Entscheidungen, sondern auf symbolische Orientierungen und affektive Antriebe zurückgeführt wird. An die Stelle des illusorischen Bildes vom vernunftbestimmten Akteur tritt die weitaus realistischere Sichtweise des sozialen Individuums, das in kulturelle Lebenswelten verstrickt ist und in seinen Handlungen von natürlichen Impulsen und emotionalen Beweggründen mitbestimmt wird.

Da ist zum Zweiten die dunkle Seite der Moderne, die in den Büchern von Peter Bürger und Hans Joas zutage gefördert wird. Während sich Bürger mit den Gewaltfantasien der Intellektuellen im Umkreis des französischen Surrealismus und ihrem Hang zu extremistischen Aktionen befasst, untersucht Joas in stärker empirisch ausgerichteten Studien den Einfluss von Wertvorstellungen auf die Kriege des 20. Jahrhunderts, die er als "moderne Form kollektiver Entfesselung" interpretiert. In diesen Zusammenhang gehören auch die Vorlesungen von S.N. Eisenstadt, der mit triftigen Argumenten zeigt, dass der Kampf der Kulturen nicht aus der Hegemonie des Westens resultiert, sondern aus dem Zusammenprall "mehrerer Arten der Moderne", die in der planetarischen Welt aufgrund ihrer strukturellen Eigenständigkeit im Konflikt miteinander liegen.

Die Analyse ist kein akademischer Luxus