Der Flirt mit dem charmanten Unbekannten in Australien läuft via Computer. Plötzlich fährt es mir durch den Kopf: Woher weiß ich eigentlich, dass der Gesprächspartner kein Chatbot ist, wie chat von Plauderstündchen und bot von robot? Aber Chat-erfahrene Freunde drehen die Augen zur Decke: Mann, das merkt man doch. Das spürt man!

Mit dem Vertrauen der Jugend in diese Art Produkte der Künstliche-Intelligenz-Forschung ist es wohl nicht weit her. Das spürt man. Alan Turing hatte da anderes vorausgesehen: In ungefähr 50 Jahren, sagte er vor genau 50 Jahren, hätte ich nur noch eine Chance von 70 Prozent, meinen charmanten Unbekannten eindeutig als künstlich zu identifizieren. In drei von zehn Fällen säße ich also beim Blind Date unwissentlich einem Rechner gegenüber.

Turing dachte natürlich nicht an Fernflirts. Er dachte an Intelligenz, und wie man sie testen kann. Und er dachte an Täuschung: Ein Programm, das einen Menschen fünf Minuten lang über sein wahres Ich im Unklaren lassen kann, könne als intelligent angesehen werden. Turing ersetzte die Frage nach der Intelligenz von Maschinen durch die Frage, wie menschlich sie in seinem Imitationsspiel wirken.

Der Original-Turing-Test funktioniert eigentlich anders: Ein Prüfer ist in einem Raum, getrennt von zwei Prüflingen. Der Prüfer muss herausfinden, welcher der beiden Mann, welcher Frau ist. Der Mann soll den Prüfer täuschen und so tun, als sei er eine Frau. Und nun schlug Turing vor, dass eine Maschine die Rolle dieses täuschenden Mannes einnimmt. Sein Originaltext vom Oktober 1950 handelt also zunächst von einer Geschlechtertäuschung und geht erst später zum Thema Mensch-Maschine-Täuschung über.

Eine Truppe Unentwegter hat die Herausforderung angenommen. Seit 1991 trifft sich jährlich ein buntes Völkchen, um der Welt zu zeigen, dass es intelligente Programme gibt. Und um einen Preis zu gewinnen: Hugh Gene Loebner, Soziologe und New Yorker Geschäftsmann, zahlt eine Prämie an den Pfiffikus, dessen Programm einen etwas abgewandelten Turing-Test gewinnt. Die Programme müssen sich einem Chat mit einem menschlichen Prüfer stellen. Das Thema können sie vorgeben. Der Prüfer weiß nicht, ob am anderen Ende der Datenleitung ein Artgenosse oder ein Chatbot sitzt. Nach fünf Minuten entscheidet er, ob er es mit Mensch oder Maschine zu tun hat.

25 000 Dollar hat Loebner ausgesetzt für ein Programm, das drei von zehn Prüfern täuschen kann. 100 000 Dollar soll bekommen, wer darüber hinaus noch mit "audio-visuellem Input" klarkommt. So weit ist noch kein Chatbot gekommen. Ob MegaHAL, natürlich nach dem Computer aus 2001 benannt, ob HeX, der Freche, oder die charmante Alice, alle wurden spätestens nach fünf Minuten als künstlich entlarvt.

Aber es gibt einen Trostpreis von 2000 Dollar für das "menschlichste" Programm eines Jahrgangs. Und den zu gewinnen ist durchaus prestigeträchtig, finden viele - auch der Australier Jason Hutchens, der dieses Jahr zum vierten Mal dabei war. "Es ist gut fürs Selbstbewusstsein zu gewinnen", sagt er. Gut fürs Geschäft wohl auch. Jason Hutchens hat einen seiner Chatbots an eine deutsche Firma verkauft, und Alice' Vater, Richard Wallace, wirbt im Netz groß mit dem Sieg beim diesjährigen Loebner-Test - dass bis jetzt nur Trostpreise vergeben wurden, wird dabei nicht erwähnt.