Schöne Taufbecken finden sich viele, allein in Deutschland, allein unter H - Hameln: Marktkirche

Halberstadt: St. Martini

Hildesheim: Dom und so weiter. Sicherlich gibt es längst den Bildband dazu, fotografiert von Michael Ruetz oder Konrad R. Müller. Wenn nicht: Wär eine Idee! Vorn drauf vielleicht das der Überwasserkirche zu Münster, ein Barocktaufbecken, Holz und Alabaster. Wahnsinn, wie man vor zehn Jahren so gern sagte, Wahnsinn: Der Sockel ein Baumstamm, darum sich eine gewaltige güldene Schlange windet, auf dem Deckel zwei Puttenköpfchen, die sich küssen ... Zweifellos hatte die gotische Überwasserkirche ursprünglich ein anderes, dito gotisches Taufbecken. Wo ist es geblieben?

In der Ausstellung Das Königreich der Täufer im Stadtmuseum von Münster ist es geblieben, das heißt, ist es jetzt zu sehen, das heißt, was davon übrig blieb. Die Täufer (oder Wiedertäufer, wie ihre Gegner sie nannten) haben es kurz und klein geschlagen anno 1534, die Reste wurden 1897 ausgegraben und jetzt zusammengefügt. Kein Taufstein mehr, aber ein Gedenkstein zur Erinnerung an jene Jahre 1534/35, jene Jahre außer Rand und Band, als im Münsterland eine neue Zeit resp. das Ende aller Zeiten anbrechen sollte.

Die Wiedertäufer, so wird recht fasslich die Exposition des Dramas rekapituliert, das waren die, denen die Kindertaufe nichts galt, die sich als Erwachsene nochmals, also wieder taufen ließen. Doch was für ein unglaubliches Wüten und Zanken entsprang diesem uns heute so harmlos dünkenden Begehr! Noch ein Grund mehr in diesem Zeitalter der Glaubensspaltung, einander auch die Schädel zu spalten, zu foltern und zu henken. Ketzer Luther war nämlich bei der alten Lehre geblieben

die heilige katholische & apostolische Kirche sowieso. Allein gewisse Schweizer, aus dem Umkreis von Zwingli in Zürich, hielten die Säuglingstaufe für kindisch: Nur der erwachsene Mensch könne sich frei für Gott entscheiden. Im Übrigen möge man dem Herrn folgen, der auch erst "dreyssig iärig getoufft" worden sei, wie der Zürcher Felix Mantz in einem Brief zur Verteidigung der Täufer recht bibelfest zu Bedenken gibt, ein rares Dokument, in der Ausstellung zu studieren.

Eine Bewegung entstand, zerfiel in Gemeinden ganz verschiedener Couleur, milde und wilde, und auch in diesem Fall - Du verstehst, das Harte unterliegt - überlebten am Ende, nach der Katastrophe von Münster, die Gewaltlosen, der pazifistische Zweig. Mennoniten und Baptisten, der Erwachsenentaufe treu geblieben, bilden heute große christliche Gemeinschaften.

Doch die Welt war aus den Fugen in jenem Jahrhundert, der theologische Disput lud sich mit Fanatismus auf. Mancher, man denke auch an Bauernführer Müntzer, versah seine Argumente mit der letztmöglichen Versicherung göttlicher Provenienz, versprach Heil und Ewigkeit, paradiesischen Trost in höllischer Zeit, da die apokalyptischen Reiter das Erdenrund verheerten und böse Zeichen sogar am Himmel erschienen

so viel Ende war nie.

Auch im stattlichen Münster, dessen Bürger sich gegen ihren Fürstbischof mühsam Glaubens- und Gedankenfreiheit ertrotzt hatten, predigten die Täufer.

Aus Holland eilte der Prophet Jan Matthijs herbei und versprach fürs Frühjahr 1534 Weltenende mit großer Himmelfahrt: Münster sei das Neue Jerusalem, der Ort der Erfüllung. Einigen Bürgern ging das zu weit, sie verließen die Stadt, aus Holland kamen dafür immer mehr Gläubige herbei, unter ihnen viele Glaubensasylanten. Die Täufer übernahmen die Macht, nach dem Tod des Propheten Matthijs trat sein Apostel die Nachfolge an, der Schneider Jan Bockelson, genannt Jan van Leiden, der sich, als das Ende der Zeit nicht eintreten wollte, vom Geweihten zum Gesalbten promovierte, zum "König des Neuen Tempels". Denn ließ die Ankunft des Herrn auch auf sich warten, so wollte man doch nicht säumen, mit dem Neuen Israel schon auf Erden zu beginnen, und warum nicht in Münster.

Der Bischof blies zur Belagerung, doch die gewaltige Festung, gehärtet in der Glut des wahren Glaubens, erwies sich als uneinnehmbar. Anderthalb Jahre blieb Münster eingeschlossen, und mit der Stadt der neue Gottesstaat.

Keine leichte Sache, das alles den Zeitgenossen von heute zu vermitteln, Dokumente sind rar. Zudem haben die Ausstellungsmacher bilderstürmisch aufgeräumt: Reste der ominösen Bettstatt des Jan van Leiden, seine Königskette und dergleichen Reliquien, bis in unsere Tage mit schaurigem Behagen gern gezeigt, ruhen hier nur noch als Kuriositäten im Winkel - allesamt als Produkte späterer Jahrhunderte und blühender historischer Fantasie enttarnt. So bleibt man im Rund der stilisierten Stadtmauer (ein schöner Einfall des Ausstellungsarchitekten Yves Michel Moscato) bei den kargen Zeugnissen der Archive, bei Münzen und Siegeln - dem Königssiegel, das van Leidens feudale Feinde besonders ergrimmte -, bei Briefen, Flugschriften ... Bruchstücken einer fernen Konfession.

Die Kommunisten des Bösen und ihre sündigen Mösen

Trotzdem erhellt sich die Szene, enthüllt sich eine seltsame Mischung aus frommem Wahn und sozialem Experiment, und wo, wie bei der Darstellung von Täufers Alltag, die Ausstellung ehrlicherweise passen muss, hilft der exzellente Katalog weiter. Ohne Zorn und Eifer versucht er dem Neuen Menschen des vollendeten Kapitalismus so exotische Antiquitäten wie die Idee der Gütergemeinschaft zu explizieren, der die neuen Israeliten anhingen, und stellt bei der Gelegenheit auch klar, dass mitnichten "der Pöbel" Regie führte, wie später gern denunziert - das Königreich der Täufer war ein ziemlich bürgerliches Unternehmen. Selbst die stets lüstern bespannte Praxis der Mehr-Ehe, die "wiedertäuferische Vielweiberei", wird nüchtern erklärt als eine Art wirtschaftliches Versorgungsinstitut in einer Stadt, in der von sieben- bis achttausend erwachsenen Einwohnern nur zweitausend Männer waren.

80 Hinrichtungen habe es gegeben, zum Teil vom König selbst vollstreckt. Doch so drakonisch das Regiment waltete, eine Schreckensherrschaft, eine Diktatur durch Terror, war es nicht. Auch steht die Blutbilanz der Täufer in keinem Verhältnis zu dem Massaker, das die Landsknechte Franz von Waldecks, des Fürstbischofs, anrichten, als die Stadt am 25. Juni 1535 durch Verrat endlich gefallen ist. 600 bis 700 Menschen müssen sterben, man zerrt sie aus ihren Wohnungen und metzelt sie nieder. Jan van Leiden und zwei seiner Mitstreiter, darunter der Münsterische Kaufmann Bernd Knipperdollinck, werden gefangen genommen und ein halbes Jahr später vor dem Rathaus mit glühenden Zangen dem Tode zu gefoltert und schließlich erdolcht. Ihre Leichname, die unbegraben bleiben sollen, hängt man in eisernen Käfigen am Turm der Lambertikirche auf, und dort hängen die düsteren Kästen noch heute.

Die Ausstellung begnügt sich mit einer Nachbildung der Käfige aus dem 19.

Jahrhundert. Dagegen zeigt man ein Original in Münster mit besonderem Stolz: Es ist die Bleistiftzeichnung, die Heinrich Aldegrever von Jan van Leiden im Kerker schuf - eine Leihgabe des Britischen Museums. Sie gibt uns, selbst wenn Aldegrever allerlei Herrscherinsignien hinzugefügt hat, über die Jan van Leiden zu dieser Zeit gewiss nicht mehr verfügte, einen authentischen Eindruck von der Erscheinung des Mannes, der damals gerade einmal 26 Jahre alt war: seltsam souverän und abgeklärt, reichlich Jenseits im Blick und um die Lippen ein Hauch Verachtung.

Aldegrevers Bildnis, auch sein Stich von Knipperdollinck, von dem keine (Vor-)Zeichnung erhalten ist, wurden viel kopiert. Mit Lust entfaltet die Ausstellung das große Rezeptionspanorama und -panoptikum in Kunst, Literatur und Musik: von barocken Fantasiestücken bis zu den stark verölten Historienschinken des 19. Jahrhunderts, von Meyerbeers Propheten bis Dürrenmatts Drama. Und natürlich darf auch die grafische Kraftkunst Alfred Hrdlickas nicht fehlen: "Ich will euch erlösen", lässt er den Bischof triumphieren, "von den Kommunisten des Bösen und ihren sündigen Mösen."

Die Wiedertäufer als Revolutionäre, als Anarchisten, Irre, als Nazis, Märtyrer Christi, als Stalinisten, Visionäre - alles dabei, alles im Angebot.

Und zum Schluss gibt es sogar noch die Wiedertäufertorte der Konditorei Krimphove zu belechzen mit Äpfeln, Pflaumen, Stachelbeeren, Haselnuss und Marzipan auf "sandigem Grund", "wiedergetauft und mit einer schwarzen herben Hülle versehen (Schokoladencreme)". Lecker.

Nein, Münster hat seine Täufer nie vergessen. Ein Blick nach oben, zum Turm von St. Lamberti, erinnert immer wieder an sie. Lothar Baumgarten verwandelte die Käfige 1987 genial einfach in Epitaphe. Er hängte in jeden von ihnen eine Glühbirne. Und so leuchten des Nachts (wenn nicht, wie zurzeit, alles eingerüstet ist) drei schwache Lichtlein vom dunklen Turm herab: Irrlichter, unerlöste Seelen, Elmsfeuer, Spuk der Utopie.

Stadtmuseum bis zum 4. März 2001, Katalog in 2 Bänden (ohne Register!) 58,- DM