Trotzdem erhellt sich die Szene, enthüllt sich eine seltsame Mischung aus frommem Wahn und sozialem Experiment, und wo, wie bei der Darstellung von Täufers Alltag, die Ausstellung ehrlicherweise passen muss, hilft der exzellente Katalog weiter. Ohne Zorn und Eifer versucht er dem Neuen Menschen des vollendeten Kapitalismus so exotische Antiquitäten wie die Idee der Gütergemeinschaft zu explizieren, der die neuen Israeliten anhingen, und stellt bei der Gelegenheit auch klar, dass mitnichten "der Pöbel" Regie führte, wie später gern denunziert - das Königreich der Täufer war ein ziemlich bürgerliches Unternehmen. Selbst die stets lüstern bespannte Praxis der Mehr-Ehe, die "wiedertäuferische Vielweiberei", wird nüchtern erklärt als eine Art wirtschaftliches Versorgungsinstitut in einer Stadt, in der von sieben- bis achttausend erwachsenen Einwohnern nur zweitausend Männer waren.

80 Hinrichtungen habe es gegeben, zum Teil vom König selbst vollstreckt. Doch so drakonisch das Regiment waltete, eine Schreckensherrschaft, eine Diktatur durch Terror, war es nicht. Auch steht die Blutbilanz der Täufer in keinem Verhältnis zu dem Massaker, das die Landsknechte Franz von Waldecks, des Fürstbischofs, anrichten, als die Stadt am 25. Juni 1535 durch Verrat endlich gefallen ist. 600 bis 700 Menschen müssen sterben, man zerrt sie aus ihren Wohnungen und metzelt sie nieder. Jan van Leiden und zwei seiner Mitstreiter, darunter der Münsterische Kaufmann Bernd Knipperdollinck, werden gefangen genommen und ein halbes Jahr später vor dem Rathaus mit glühenden Zangen dem Tode zu gefoltert und schließlich erdolcht. Ihre Leichname, die unbegraben bleiben sollen, hängt man in eisernen Käfigen am Turm der Lambertikirche auf, und dort hängen die düsteren Kästen noch heute.

Die Ausstellung begnügt sich mit einer Nachbildung der Käfige aus dem 19.

Jahrhundert. Dagegen zeigt man ein Original in Münster mit besonderem Stolz: Es ist die Bleistiftzeichnung, die Heinrich Aldegrever von Jan van Leiden im Kerker schuf - eine Leihgabe des Britischen Museums. Sie gibt uns, selbst wenn Aldegrever allerlei Herrscherinsignien hinzugefügt hat, über die Jan van Leiden zu dieser Zeit gewiss nicht mehr verfügte, einen authentischen Eindruck von der Erscheinung des Mannes, der damals gerade einmal 26 Jahre alt war: seltsam souverän und abgeklärt, reichlich Jenseits im Blick und um die Lippen ein Hauch Verachtung.

Aldegrevers Bildnis, auch sein Stich von Knipperdollinck, von dem keine (Vor-)Zeichnung erhalten ist, wurden viel kopiert. Mit Lust entfaltet die Ausstellung das große Rezeptionspanorama und -panoptikum in Kunst, Literatur und Musik: von barocken Fantasiestücken bis zu den stark verölten Historienschinken des 19. Jahrhunderts, von Meyerbeers Propheten bis Dürrenmatts Drama. Und natürlich darf auch die grafische Kraftkunst Alfred Hrdlickas nicht fehlen: "Ich will euch erlösen", lässt er den Bischof triumphieren, "von den Kommunisten des Bösen und ihren sündigen Mösen."

Die Wiedertäufer als Revolutionäre, als Anarchisten, Irre, als Nazis, Märtyrer Christi, als Stalinisten, Visionäre - alles dabei, alles im Angebot.

Und zum Schluss gibt es sogar noch die Wiedertäufertorte der Konditorei Krimphove zu belechzen mit Äpfeln, Pflaumen, Stachelbeeren, Haselnuss und Marzipan auf "sandigem Grund", "wiedergetauft und mit einer schwarzen herben Hülle versehen (Schokoladencreme)". Lecker.