Robert, neun Jahre alt, verdreht die Augen. Er ist nicht begeistert von Opas Geburtstagsfeier. "Ich möcht jetzt Fernsehen gucken", sagt er, "oder am PC spielen." Doch zu Roberts Leidwesen bleibt die Kiste aus. Die Chance, den beiden weniger medienaffin erzogenen Cousinen Lara (acht) und Anne (zehn) seine Lieblingssendungen aufzählen zu können, ist da nur ein schwacher Trost. Die beiden Mädchen lauschen höflich den mit Nachdruck vorgetragenen Qualitätsurteilen ihres Cousins. Irgendwann aber hört man Lara entnervt fragen: "Ja, aber was passiert denn nun in dem Film? Wovon handelt er?" Stille. "Weiß nicht", sagt Robert, "Monster jagen. Voll geil aber."

Robert wächst nicht in jenem einschlägigen Milieu auf, wo der Fernseher von morgens bis abends dröhnt und der Ton höchstens heruntergedreht wird, wenn der Sozialarbeiter vorbeikommt, um den Entschuldungsplan zu besprechen. Aber der Fernsehkonsum des Jungen liegt doch deutlich über den gut eineinhalb Stunden täglich, die bundesdeutsche Kinder zwischen 3 und 13 im Durchschnitt vor dem Bildschirm verbringen.

Einen Beweis dafür, dass Roberts Zappeligkeit, sein begrenzter Wortschatz und die von seinen Eltern beklagten mäßigen Schulleistungen direkte Folgen dieses Konsums sind, gibt es nach dem Stand diverser zuständiger Disziplinen nicht. Die Fernsehwirkungsforschung spürt seit fünf Jahrzehnten mit erheblichem Aufwand eher schlichten Fragestellungen nach - vorzugsweise der, ob Gewalt im Fernsehen Kinder zur Nachahmung animiere. Ob Fernsehen - und eben auch das real existierende Kinderfernsehen - für Heranwachsende überhaupt eine ersprießliche Beschäftigung ist, scheint eine vergessene Frage zu sein. Von Medienwissenschaftlern hört man dazu wenig Unumwundenes - vielleicht könne man, schreibt Susanne Maus lakonisch in der Zeitschrift Eltern, von Fernsehexperten einfach nicht erwarten, dass sie das Fernsehen als solches in Frage stellen. Debatten um Kinder und Fernsehen finden heute in einem eigenartigen Klima zwischen Resignation, falscher Liberalität, ausgefeilter Apologetik und blankem Zynismus statt. "Häufig ist die Medienkompetenz von Kindern und Jugendlichen größer als bei Lehrern und Erwachsenen (sic), die oft noch im kulturkritischen Habitus erstarrt sind", schreibt etwa Professor Dieter Baacke, ehemaliger Vorsitzender der Gesellschaft für Medienpädagogik und Kommunikationskultur (GMK), und adelt so das Verweilen vor der Glotze zu einem fortschrittlichen Generationenprojekt. Und Dirk Ulf Stölzel, ehemaliger Leiter des Projekts Kinderfernsehen bei der Deutschen Forschungsgemeinschaft und einst Verantwortlicher für den Jugendschutz beim inzwischen eingestellten Kindersender Nickelodeon, erklärte in der Zeitschrift Psychologie heute, Fernsehen sei eine Kulturtechnik, deren Vermittlung als "ganzheitliches Erziehungsziel" definiert und umgesetzt werden müsse.

Ist Fernsehenlernen ein Bildungsziel wie Klavierspielen?

Man fragt sich, was damit gemeint sein könnte: Sollen Kinder Fernsehen lernen? Am besten schon im Kindergarten? Und ist "Fernsehen können" ein ebensolches Bildungsziel wie Lesen, Schreiben oder Klavierspielen? Auch dass Kinder in die Lage versetzt werden müssten, mit Werbung "umzugehen", ist oft zu lesen: Schließlich ermögliche Werbung, so steht es in einem von medienpädagogischer Beratung triefenden Papier der Deutschen Werbewirtschaft, "Kommunikation über Konsum" und diese wiederum "soziales Lernen" - was seinerseits dem Erwerb von "sozialer Intelligenz" diene. Und natürlich sollen verantwortungsvolle Eltern mit ihren Kindern gemeinsam fernsehen und viel über das Gesehene sprechen. Dieser Wunsch ist fromm, dient der allgemeinen Entlastung und wird sofort wieder vergessen, wenn die Eltern am Wochenende ausschlafen oder am quengelanfälligen Spätnachmittag ihre Ruhe haben wollen. Wirkungsforschung wurde bislang kaum betrieben, umso gründlicher ist wissenschaftlich notiert worden, wer wann was wie lange sieht - schließlich sind derlei Erkenntnisse bares Geld wert. Deutsche Erwachsene sitzen täglich durchschnittlich drei Stunden und zwanzig Minuten vor der Flimmerkiste. Wer soll sich da ernsthaft über die Fernsehzeiten der Kinder wundern? Deren 99 tägliche Fernsehminuten, so hat es der Medienpädagogische Forschungsverbund Südwest für das vergangene Jahr ermittelt, verteilen sich auf 76 Minuten für 3- bis 5-Jährige, 96 Minuten für 6- bis 9-Jährige und 117 Minuten für 10- bis 13-Jährige. Wer ein eigenes Fernsehgerät im Kinderzimmer stehen hat (ein Drittel der Kinder; im Westen: 25 Prozent, im Osten: 48 - der Nachholbedarf!), guckt länger: etwa 145 Minuten am Tag. 62 Prozent aller Kinder sehen täglich fern. Und Fernsehen erzeugt Fernsehen: Diejenigen, die es überhaupt tun, treiben den Durchschnitt nach oben; sie liegen weit über der Zweistundenmarke. 600 000 Kinder harren länger als drei Stunden vor dem Gerät aus - 20 Stunden in der Woche, 80 Stunden im Monat, 1000 Stunden im Jahr, 11 000 Stunden in einem Kinderleben.

Praktiker in Kindergärten, Schulen und Sprachheileinrichtungen sowie Kinderärzte betrachten diese extreme Vielseherei mit Sorge. Kurt Bielfeld, der Bundesvorsitzende der Deutschen Gesellschaft für Sprachheilpädagogik und Leiter einer Sprachheilschule in Berlin, beobachtet eine stetige Zunahme der Sprachentwicklungsstörungen bei Vorschul- und Grundschulkindern. In einer Studie der Universität Mainz von Mitte der neunziger Jahre ist von einer Steigerung um 25 Prozent in den letzten zehn Jahren die Rede. Die "Kommunikationsarmut" des Mediums Fernsehen werde dort, wo das Elternhaus nicht ausgleichend eingreife, zu einem echten Problem. "Die Kinder üben nicht, selbst zu sprechen, und niemand korrigiert ihre Fehler", sagt Bielfeld. Und das Team um Professor Michael Myrtek von der Universität Freiburg hat jüngst nachgewiesen, dass Kinder, die über drei Stunden täglich fernsehen weniger reden, schlechtere Deutschnoten haben und emotional abgestumpfter sind als gleichaltrige Wenigseher.

Sprachlosigkeit, schrumpfende Wortschätze und Satzumfänge stellt auch Sylvia Schuster bei etlichen ihrer kleinen Patienten fest. Gleichzeitig nähmen Hyperaktivität auf der einen und Bewegungsfaulheit auf der anderen Seite massiv zu, sagt die Sprecherin des Landesverbandes Nordrhein der Kinder- und Jugendärzte in Deutschland. Man muss gar nicht auf Adornos Wort vom Totschlagen sinnloser Zeit, auf Marcuses Überlegungen zur Gleichschaltung der Zuschauer durch das Massenmedium oder Neil Postmans Warnung vor der infantilisierten Fernsehgesellschaft zurückgreifen, um Fernsehen für ein Entwicklungshindernis zu halten. "Das Fernsehen überflutet das kleinkindliche Gehirn gerade in jener Zeit mit Bildern", schreibt der amerikanische Intelligenzforscher Joseph Chilton Pearce, "in der es lernen sollte, Bilder von innen her zu erzeugen. Fernsehen unterdrückt die Fähigkeit der inneren Bilderzeugung, weil äußere Bilder auf das Kind einströmen." Wer glaubt, dass das speziell für Kinder gemachte Fernsehen dem in irgendeiner Weise entgegenwirken würde, der hat es wahrscheinlich nicht auf sich genommen, auch nur fünf Minuten den Teletubbies, den Pokémons und ähnlichen Geschöpfen zuzusehen. Die Pokémons, die japanischen Merchandising-Monster, bilden mit 70 Prozent Marktanteil den ultimativen Quotenhit auf RTL 2 - und haben nicht den Ansatz einer Persönlichkeit. Ihre einzige Bestimmung ist es, in brutalen Kämpfen eine "höhere Entwicklungsstufe" zu erreichen. Kleine Kinder werden in der Reihe Dragon Balls zu Trainingszwecken verprügelt, damit sie lernen, "ihren Geist völlig leer werden zu lassen": östliche Vulgärphilosophie. Die sprachliche Armut des Kinderfernsehens ist bemerkenswert und nicht auf das Gelalle der Teletubbies beschränkt. Auch die Pokémons sprechen kaum. Wenn sie etwas sagen, dann ihren Namen, in unterschiedlichen Tonlagen. Also: Pikachu. Pikachu? Bisasam! Bisasam ... Owei. Owei. Owei. Und im Zustand größerer Erregung: Pikapikapika! Bisabisabisa!! All diese Geräusche hört wieder, wer sich länger als drei Minuten in einem Kindergarten aufhält.