Mit den Nobelpreisen ist es wie mit der Olympiade: Die Kür der Edlen und Besten löst nur dann echte Begeisterung aus, wenn dabei etwas fürs eigene Nationalgefühl abfällt. So gesehen, ist die Ehrung des Thüringers Herbert Kroemer für die Deutschen ein zwiespältiger Triumph: Wieder einmal wurde einer der ihren preisgekrönt - aber, wie schon in den Vorjahren, erneut ein Forscher, der in den Vereinigten Staaten zum Erfolg gelangte.

Nach Horst Störmer (Physik-Nobelpreis 1998) und Günter Blobel (Medizin 1999) ist Herbert Kroemer der dritte in die Staaten ausgewanderte Deutsche in Folge, der die höchsten wissenschaftlichen Weihen erhält. Gemeinsam mit dem Russen Zhores I. Alferow und dem Amerikaner Jack S. Kilby wird ihm der Physik-Nobelpreis verliehen für Arbeiten, die "die Basis für die moderne Informationstechnologie gelegt" haben, wie es in der Begründung der Schwedischen Akademie der Wissenschaften heißt. Kilby erhält für die Erfindungen des Mikrochips die eine Hälfte des Preisgeldes von 2,1Millionen Mark; die andere teilen sich Kroemer und Alferow, die Anfang der sechziger Jahre die Halbleitertechnik durch die Entwicklung eines schnellen Transistors (Kroemer) und eines neuen Lasertyps vorantrieben. Ohne diese Bauteile gäbe es heute weder Computer noch Handy oder CD-Spieler.

Damit hat das Nobelkomitee - entgegen früheren Gepflogenheiten - den Preis nicht für wissenschaftliche Grundlagenforschung verliehen, sondern für deren technische Umsetzung. Ausdrücklich betont es, dass diese Erfindungen "in wenigen Dekaden unsere Gesellschaft radikal geändert" hätten. Das klingt fast, als wollten die Juroren, einem allgemeinen Trend folgend, die Praxisnähe der Physik demonstrieren und die Anwendungsorientierung fördern.

Zugleich setzen sie mit der Auszeichnung von Zhores I. Alferow auch ein politisches Signal. Denn der Direktor des Ioffe-Institutes in St. Petersburg ist, anders als die meisten russischen Spitzenforscher, nach dem Zusammenbruch des Sowjetreichs nicht in die USA ausgewandert, sondern in der Heimat geblieben. "Sein Institut ist eines der wenigen in Russland, an dem noch etwas passiert", beschreibt Manuel Cardona vom Stuttgarter Max-Planck-Institut für Festkörperforschung die Verdienste seines Kollegen. Auch die russischen Kommunisten freuen sich über Alferows Erfolg. Schließlich ist der Physiker Parteimitglied und war gar als Wissenschaftsminister vorgesehen, hätten die Kommunisten im vergangenen März bei der Präsidentschaftswahl gewonnen.

Ähnliche Ambitionen kann man seinen Mit-Laureaten Kilby und Kroemer kaum unterstellen. Jack St. Clair Kilby hat sich als Mitentwickler des Taschenrechners und des Thermodruckers einen Namen gemacht. Seinen genialsten Wurf landete er freilich 1958, als er für die Firma Texas Instruments den ersten Mikrochip konstruierte. Mit geliehenem und improvisiertem Equipment baute er damals aus einem Stück Halbleitermaterial einen integrierten Schaltkreis, der halb so groß wie eine Büroklammer war. Damit schuf Kilby die Grundlage für die rasante Entwicklung der modernen Computertechnik. Heute hält der 76-Jährige rund 60 Patente und ist ein viel gefragter Berater.

Auch der 1928 in Weimar geborene Herbert Kroemer hat sich nicht aufs Altenteil zurückgezogen. An der University of California in Santa Barbara hat der emeritierte Physikprofessor noch immer ein Büro, und mit seinen deutschen Kollegen steht er in regem Austausch. "Er hat eine ganz hervorragende physikalische Intuition, gepaart mit großen analytischen Fähigkeiten", beschreibt ihn der Würzburger Physiker Peter Kümmel, der mit Kroemer regelmäßig zusammenarbeitet. Und Manuel Cardona, an dessen Institut Kroemer 1994 ein Forschungsjahr verbrachte, lobt: "Kroemer besitzt eine reiche Fantasie und sprüht vor Ideen und Vorschlägen."

In die deutsche Begeisterung mischt sich allerdings ein Wermutstropfen. Denn wie seine Nobel-Vorgänger Störmer und Blobel ist auch Herbert Kroemer für seine kritische Haltung gegenüber dem deutschen Wissenschaftssystem bekannt: Es leide unter behäbigen Strukturen, fehlendem Wettbewerb und mangelnder Flexibilität. Auch von der deutschen Politik wünschte sich der Nobelpreisträger mehr Beweglichkeit. Gerne hätte der Deutsche, der seit über vierzig Jahren in den USA lebt, einen zweiten, amerikanischen Pass. Doch diesen Wunsch hat ihm das deutsche Staatsbürgerrecht bislang verwehrt.