Brüssel

Die Geografie, ließ der Redner am Ende wissen, könne niemand verändern, "aber wir müssen das Schicksal gestalten". Stehender Applaus im Parlament von Mazedonien für Chris Patten, den EU-Kommissar für Außenbeziehungen. Das war Anfang März. Schicksal wurde der Balkan durchaus, für Patten wie für Javier Solana, den Hohen Vertreter der Gemeinschaft: Was diese Außenpolitiker wert sind, wie viel das große Wort von einer europäischen Außenpolitik gilt, entscheidet sich derzeit auf dem westlichen Balkan.

Ein Jahr ist der Spanier jetzt im Amt, ein paar Wochen mehr der Brite. Ein Dutzend Mal bereisten sie den Balkan in trauter Zweisamkeit, meist per Linienflug, gelegentlich im gemieteten Lear-Jet ohne Toilette. So viel zu Anspruch und Wirklichkeit europäischer Jet-Diplomatie. Daneben streifte jeder für sich durch die Krisenregion oder empfing in Brüssel die neuen Eliten aus dem Kosovo und Kroatien, Mazedonien oder Bosnien - und früh schon die Widersacher von Slobodan Milocevic.

Der Spanier, in jungen Jahren Pazifist und Nato-Gegner, ist ein Atlantiker; der last governor of Hongkong bis heute ein Star im pazifischen Raum. Solana nennen sie in Belgrad den "Bomber" - was das für künftige Gespräche bedeutet, wird man sehen. Er liebt die Kameras. Das liegt in seinem Naturell und gehört zu seinem Auftrag: Als Hoher Vertreter soll er die Politik der 15 EU-Mitglieder sichtbar machen - visibility heißt der erste Teil seines Marschbefehls, Koordination der zweite.

Seit er als Nato-Generalsekretär im März 1999 den Angriff im Kosovo-Krieg befahl, ist für die Fernsehreporter der Welt sein Wiedererkennungswert hoch, im Mittleren Westen wie im Nahen Osten. Solana, ein Stachanow der Diplomatie, 1300 Prozent über der Norm, hat immer ein Lächeln, auch wenn die Haut unter den schwarzweißen Bartstoppeln oft übernächtigt grau schimmert, stets eine freundschaftliche Hand auf dem Arm seines Gegenübers, als kenne man sich schon eine Ewigkeit. Zugleich versteht er es, in kniffliger Lage zu schweigen, wie während des EU-Gipfels in Lissabon, als die Regierungschefs die Balkan-Konzepte von Patten und Solana beiseite schoben.

Der Brite schimpft, der Spanier schweigt beredt

Der Brite schimpfte sich im Journalistenkreis aus; der Spanier ward für Stunden nicht gesehen. Ungleiche Kollegen. Der liberale Tory, in seiner Partei ein Außenseiter als halber Ire, Katholik, Pro-Europäer, Fußballfan von Arsenal und nicht des piekfeinen Chelsea. Patten hat die britische Parlamentskultur im Blut. Streit ist Teil des Geschäfts, gepflegter Zorn wie süffige Ironie gehören dazu. Der Sozialist hingegen weiß aus den Jahren der Klandestinität, als sein Bruder in Francos Kerkern saß, dass man manchmal eine Antwort besser schuldig bleibt.