Das Wasser schwemmt ein neues Ufer auf. Es ist kein Ufer aus Kies und Sand, sondern aus Scherben, aus Silber und Gold. Splitter von Grabschmuck und beschichteten Reliefglasflaschen, Fragmente von Vasen und tönernen Gefäßen. Ein Oberschenkelknochen ragt aus der Uferböschung. Einen flüchtigen Moment lang, eine Sekunde im Fluss der Zeit, entblößt das Wasser zwei Jahrtausende unentdeckt gebliebener Relikte der Römerzeit. In einiger Entfernung schimmert ein mächtiger Betondamm in der gleißenden Augusthitze. Unerbittlich kriecht der aufgestaute Euphrat den Talhang hinauf.

In der nächsten Bucht hämmern und schaben Männer und Frauen mit von Schweiß und Erdstaub verkrusteten Gesichtern. Arbeiter balancieren Schubkarren über Planken. Bagger räumen neues Erdreich beiseite. Eine Windhose fährt tobend über das Areal, zerrt Sonnenschirme weg und reißt ein Pauspapier in die Höhe, auf dem zwei Archäologinnen einen Mosaikboden durchzeichnen. Die Fundamente stehen schon im Wasser. Nach dem Pausen wird ein mit Klebstoff beschichtetes Laken über das Mosaik gebreitet und der darunter liegende Estrich mit scharfen Meißeln durchtrennt. Auf dem Mosaik sind ein Greif abgebildet, ein Bulle mit Fischschwanz und zwei tanzende Frauen.

Das war vor drei Monaten. Inzwischen haben sich die Archäologen wieder zurückgezogen. Ihren Wettlauf mit dem Wasser konnten sie erst vor einem halben Jahr beginnen. Die New York Times berichtete am 7. Mai, Forscher hätten in der Türkei ein "zweites Pompeji" gefunden. In der Stadt, dem Stützpunkt einer Legion an der Ostgrenze des römischen Reiches, wohnten vermutlich 70 000 Menschen. Ihre Lage am Ufer des Euphrat und ihre Rolle als Zentrum des Seidenhandels habe die Einwohner reich gemacht. "Die Händler wetteiferten damit, ihre Häuser mit den herrlichsten Mosaiken auszustatten." Im 3. Jahrhundert sei Zeugma erobert worden und - durch Feuer und kurz danach durch ein Erdbeben zerstört - in einen fast zweitausendjährigen Dornröschenschlaf gefallen. Jetzt, kaum wieder entdeckt, drohe ein zweiter Untergang.

Dieser Untergang ist inzwischen vollzogen. Aber David Packard, Sohn des Hewlett-Packard-Gründers und Vorsitzender einer Firmenstiftung, las den Artikel. Er machte umgehend fünf Millionen Dollar locker, um vor den Fluten zu retten, was zu retten war. Mit dem Geld wurden eine englische Firma, das Oxford Archaeological Unit, italienische Mosaikspezialisten und ein französisches Team unter Vertrag genommen. In den letzten Monaten fanden die vermutlich umfangreichsten Ausgrabungen der Gegenwart statt, mit 60 Archäologen, 200 Arbeitern und drei fabrikneuen Baggern.

Die Römerstadt am Euphrat war bislang außer unter Antiquitätenjägern so gut wie unbekannt. Im Archiv des Britischen Museums in London lagert ein Mosaik, welches das Museum 1989 vom Victoria and Albert Museum erwarb. Das "V & A" erstand das Mosaik 1869. Es ist das früheste aus dem Ort stammende Ausstellungsstück. Schriftlich wurde Zeugma zum ersten Mal in einem obskuren, in den achtziger Jahren des 19. Jahrhunderts erschienenen Buch und in einer Depesche des italienischen Generalkonsulats in Aleppo 1890 erwähnt.

Zwischen 1911 und 1915 soll Lawrence von Arabien hier auf einem schwarzen Motorrad, Marke NSU, Baujahr 1911, gelegentlich vorbeigekommen sein, das heute mit verbeulten Felgen und zerfetzten Reifen im Museum von Gaziantep steht. Er nahm damals sporadisch an Ausgrabungen in Syrien teil. Er habe, heißt es, Fundstücke aus Zeugma mitgenommen und an das Britische Museum verkauft. Verifizieren lässt sich das in London nicht .

Die ersten Ausgrabungen verschwanden in Texas