Lange bevor Perestrojka und Glasnost in das internationale politische Vokabular eingingen, wurde in Russland der Ausdruck Samizdat geprägt.

Samizdat - "sich selbst verlegen", "Selbstverlag" - wurde seit den sechziger Jahren zum Synonym für die Bewegung der Dissidenten im östlichen, sozialistischen Teil Europas schlechthin. Ohne deren Engagement wiederum wären Perestrojka und Glasnost nicht möglich geworden.

Die Eigeninitiativen des Samizdat waren in erster Linie gegen die Zensur gerichtet. Gegenüber dem allmächtigen Staatsverlag - Gosizsdat - schuf der Samizdat alternative Möglichkeiten von Publikationen, indem er Unerlaubtes, Ungenehmigtes veröffentlichte und damit eine Gegenöffentlichkeit schuf. Er brachte das "wir" gegenüber dem "sie" zum Ausdruck und repräsentierte eine Gegen- oder Subkultur im Widerspruch zur offiziellen, vom Staat verordneten Kultur. Er entwickelte geistige Gegenkräfte zur etablierten Macht und konfrontierte das herrschende mit dem "anderen" Denken.

In Russland wurden die Dissidenten "Andersdenkende" genannt (wie übrigens schon im 19. Jahrhundert), doch seit Beginn der siebziger Jahre setzt sich der von westlichen Journalisten verwendete Begriff überall durch. Als Walerij Tschalidse mit Andrej Sacharow 1970 ein Komitee der Menschenrechte gründete, schrieb er: "Die Freiheit zu denken wird heute in der Sowjetunion nicht eingeschränkt", etwas anderes ist es allerdings, "wenn ein Individuum seine Gedanken ,ausdrücken' will." Was den Dissidenten ausmacht, ist für Wladimir Bukowskij "die Harmonie zwischen seinen Worten und seinem Leben einerseits und seinen Überzeugungen andererseits". Dass hierauf Gefängnis oder die Einweisung in eine psychiatrische Anstalt stand, hat Bukowskij selber erfahren.

Ein gutes Jahrzehnt nach dem Zusammenbruch der sozialistischen Regimes in Osteuropa und knappe neun Jahre nach dem Auseinanderfall der Sowjetunion selbst ist ein Rückblick auf die alternativen Welten des Samizdat nicht nur als Phänomen der Erinnerung legitim, sondern im Hinblick darauf, wie dort europäische Geschichte geschrieben wurde. Die aus dem Zusammenschluss einer Ost- und Westinstitution hervorgegangene Berliner Akademie der Künste illustriert in der Ausstellung Samizdat. Alternative Kultur in Zentral- und Osteuropa - die sechziger bis achtziger Jahre die "anderen" Welten und Keimformen einer Zivilgesellschaft, die in Russland, Polen, der Tschechoslowakei, Ungarn und der DDR entstanden waren.

Die Konspiration kannte viele Wege

Der Präsident der Akademie, György Konrád, verkörpert in eigener Person das Vermächtnis der Dissidenz. Ein alter Freund aus Samizdat-Zeiten, der Architekt und Designer Laszlo Rajk, hat für die Ausstellung Solschenizyns Bild vom Archipel Gulag optisch umgesetzt und in leicht geschwungenen, amöbenartigen blau- und türkisfarbigen Schaukästen einen Archipel Samizdat entstehen lassen, in dem sich der Besucher von einem Ideen-Archipel zum anderen treiben lassen kann. In den bewusst kahl und trist belassenen Räumen machen an die 800 Dokumente die Vielfältigkeit der Samizdat-Welten lebendig.