Katalonien - schrieb schon vor Jahren ein amerikanischer Kollege - sei das letzte kulinarische Geheimnis Europas. Dass der Mann Recht hat, spricht für ihn (er heißt Colman Andrews) und gegen die Millionen Touristen, die Jahr für Jahr mit dem einzigen Ziel durch Katalonien fahren, um an einem überfüllten Strand zu landen, wo sie sich von Junk Food ernähren.

Tatsächlich kocht in dieser nordöstlichen Provinz Spaniens die Avantgarde so spektakulär, dass ausländische Küchenchefs ihre Golfschläger schon mal in den Wandschrank sperren und in Cala Montjoi ankern. Dort arbeitet ihr Guru, der genialste, verrückteste und originellste Koch der westlichen Welt. Er heisst Ferran Adrià und sein Restaurant El Bulli. Bei ihm erleben sie staunend, wie einer die Gesetze ihrer Profession auf den Kopf stellt und kulinarische Grenzen überschreitet, hinter denen die Kälte des Weltraums lauert. Wenn sie nicht, wie Barbara, gleich behaupten, dieser Adrià sei ein Außerirdischer und auf die Erde geschickt, um den Menschen zu zeigen, wie man einen Pudding an die Wand nagelt.

Auch ich überprüfe bei ihm von Zeit zu Zeit meine Toleranz gegenüber Kreativität in der Küche und trainiere meine Empfänglichkeit für neue und verblüffende Ideen. Dafür nehme ich Roses in Kauf, diesen Badeort an der nördlichen Costa Brava mit dem Charme von Varna im Jahre 1962, wo man übernachten muss. Denn mittags wird El Bulli in der kommenden Saison geschlossen bleiben, weil die Arbeit und der damit verbundene Personalaufwand zu groß ist. Dieses 3-Sterne-Restaurant liegt eine Bucht weiter nördlich von Roses und ist über eine neuerdings gut geteerte Piste zu erreichen

Cala Montjoi ist nur ein Weiler am Meer. Schon die ersten Besitzer und ihr Küchenchef haben sich tapfer bemüht, in dieser unzugänglichen Bucht eine Küche der Sonderklasse zu etablieren. Das gelang ihnen mit dem Elsässer Jean Louis Neichel glänzend. Dann übernahmen Juli Soler und eben jener Ferran Adrià das Restaurant und setzten zum Aufbruch in den Weltraum an. Oder wo auch immer man das absolut Moderne vermutet.

Wie nun sieht dieses absolut Moderne auf dem Teller aus? Zunächst einmal: klein und winzig. Unser letztes Menü verzeichnete dreißig verschiedene Gänge. Manchmal war es ein Löffel voll, dann ein Tässchen, aber auch der geröstete Mais zum Cocktail wird auf dem Zertifikat, das man abschließend überreicht bekommt, als ein Gang beschrieben (und mit Recht denn sein spezielles Aroma wurde ihm nicht von der Natur, sondern von dieser Küche mitgegeben).

Der Cocktail wiederum schlägt eine Tonart an, der man im Laufe des Abends noch mehrere Male begegnen wird: heiß und kalt. Hier war es kalter Zitronensaft, gekrönt von warmem Sahneschaum. Später wird sich in einem Glas kalte Minzsauce befinden, auf der eine heiße Erbsensuppe wartet, zusammen mit der Minze getrunken zu werden. Und so geht das weiter. Technisch immer aufwändig und verblüffend, aber da all diese Dinge einen ausgeprägten Geschmack haben, entsteht der Eindruck von l'Art pour l'Art nur selten. Obwohl Dali im benachbarten Cadaques gelebt hat und sein Wirken auch vom Küchenchef als Inspiration empfunden wird.

Bei Ferran Adrià registriert man Leitmotive, die sich von Jahr zu Jahr ändern. Einmal war es Karamel. Karamelisierte Minitomaten oder Wachteleier. Frittiert wird ohnehin viel, weil das der katalanischen Küche entspricht, deren Spuren man immer wieder entdeckt. Das Thema des vergangenen Sommers hieß Gelee. Eine Erdbeere in Gelee von Campari war wieder einer dieser Kulinarkometen, denen man wohl bald in Paris, London oder Berlin wieder begegnen wird. Dreißig völlig ungewohnte Gänge, ein Feuerwerk an Überraschungen und Rätseln, von einer wuselnden Kellnerbrigade unermüdlich herbeigeschafft und begleitet von den Weinen Kataloniens - so müssen die Pilger sich in Poona gefühlt haben in den siebziger Jahren: privilegiert und der Erleuchtung ziemlich nahe.

Drei Tage später besuchte ich den Meister in Barcelona. Er baut dort eine Versuchsküche, in die er sich an seinen freien Tagen zurückziehen will, um neue Geniestreiche zu erfinden. Nicht zufällig ist La Boqueria, der schönste Lebensmittelmarkt Europas, gleich um die Ecke. Eine riesige Halle, dem Prado vergleichbar, die einem einzigen Thema gewidmet ist, dem kulinarischen Genuss. Ich bin nicht dahinter gekommen, was schmerzlicher ist: den Markt hungrig zu besuchen oder nach einem ausgiebigen Frühstück.

In der Boqueria gibt es alles. Und alles hundertfach. Man kann an Ständen essen, Langusten sackweise und Schinken zentnerweise entführen, man kann die Fischfrauen beim Zurichten bewundern, sich unerkannt zwischen die Würste hängen und hat die Wahl zwischen Magenknurren und Sodbrennen. Die Boqueria in Barcelona ist wie Karneval in Rio. In dieser anregenden Nachbarschaft hat Ferran Àdria seine Versuchsküche, wie er sie nennt. Darüber in der nächsten Woche mehr.

EL BULLI Cala Montjoi, E-17480 Roses, Tel. 0034-972 15 04 57 Fax 0034-972 15 07 17 während des Winters sowie Mo. und Di. geschl., Menü ohne Wein ca. 160 Mark