Eines Morgens wird Kandidat Raspe eingelassen in die große weiße Welt.

Man reicht ihm helle Kleider, Arzthose, Arzthemd und Mantel, und indem er den Mantel schließt, verliert Raspe seinen Schatten und macht sich unsichtbar.

Sein Stirnrunzeln schwebt als letztes Zeichen von Eigenart über der geschlossenen weißen Front.

Als Assistent darf das Raspe-Gespenst nun mitlaufen im Platoon der Ärzte. Die Weißen sind eine Eliteeinheit mit heftigem Ekel vor dem Feind. Also bleiben sie eng beieinander, wenn sie aufbrechen. Sie kämpfen die Schlacht der Vernunft gegen den Wahnsinn.

Das Stück heißt Irre und ist die vom Autor Rainald Goetz autorisierte und vom Schauspiel Hannover hergestellte Bühnenversion seines furiosen Romandebüts (Sie wissen schon: 1983, Klagenfurt, Bachmann-Preis! Rasierklinge ritzt Dichters Stirn, als wollte sie vordringen zu Dichters Hirn, Jury wird blass und Rainald berühmt). Im Schauspiel Hannover, das jetzt schauspielhannover heißt, als werde die Theaterkunst von den Geschicken dieser Stadt nie mehr zu trennen sein, ist es die erste wichtige Uraufführung unter dem neuen Intendanten Wilfried Schulz.

Auf Linoleumboden hat die Bühnenbildnerin Barbara Ehnes ein Haus errichtet, das viele Häuser zitiert. Es erinnert an einen Hörsaal, aber es öffnet sich zu einem schwarzen Bühnenhimmel, in dem man wie aus einer Sternwarte die schönsten Wahnsinnssternbilder deuten kann. Es hat was von einer Arena, in der man Vieh zusammentreibt, und natürlich erkennen wir in dem kühlschrankfarbenen Bau auch eine hübsche Krankenhausfassade. Der Zuschauer sitzt davor wie K. vor dem Schloss oder vor dem Gesetz oder eben: vor dem weißen Apparat. Drinnen geschieht Unerhörtes: Anstaltsärzte tauchen an Fenstern auf, fahren Lift, klettern auf Leiterchen, halten Visite, beraten über Medikationen und Stromstoßstärken, erzählen einander Krankengeschichten, arbeiten sich herdenweise durch die Korridore wie ein eierndes Kunstobjekt von Tinguely, dessen Rädchen gegeneinander arbeiten und doch perfekt ineinander greifen.

In Goetz' furiosem Roman verfolgt der Leser den Weg des jungen Psychiaters Raspe, der in der geschlossenen Abteilung Karriere machen will, dabei fast den Verstand verliert und mit knapper Not ins Freie und in die Kunst entkommt. Der Leser wird "pausenlos beschossen aus dem Neuronennetzwerk in der Hirnrinde" des Autors

er erlebt ein Wahrnehmungsgewitter, als hätte Rainald Goetz ihn mit unter seine Hirnschale genommen.

Eine Polonaise der Untoten

Jossi Wieler nimmt uns in Hannover bloß mit in seine Puppenkiste. Er verwaltet ein Arrangement aus Bühne, Kostüm und Habitus, durch dessen straffe, leblose Textur die Darsteller ihre Köpfe und Hände hindurchstrecken wie durch die Gucklöcher alter Jahrmarktsjuxbühnenbilder.

Im Roman verschwammen dem Psychiater Raspe alle Patienten zu einem "einzigen ununterscheidbaren Patienten". Auf der Bühne verschwimmen dem Regisseur Wieler alle Ärzte zu einem einzigen ununterscheidbaren Gespenst. Das hat gewiss taktische Gründe: Verwechselbarkeit ist die beste Tarnung im Kampf.

Und Psychiater, das ist der härteste aller Frontberufe, denn der Gegner ist der eigene Bruder. Jedoch, Wieler erzählt die Schlacht allein aus der Sicht der Kameraden in Weiß

die armen Zivilisten, die Patienten also, kommen nur in den launigen Anekdoten der Krieger zu Wort. Sie werden in lauter kleinen Verwandlungskunststücken vorgeführt.

Jossi Wieler ist ein Meister in der Kunst, Räume, Figuren und Choreografien für vielstimmige, nichtdialogische Erzählweisen zu finden (Wolken.Heim

er nicht als er). Aber aus Goetz' Höllenchor macht er bloß ein pointenloses Handlungskabarett, eine Ärzteposse. Sein Spielführer auf der Bühne ist Doktor Bögl (Matthias Neukirch), ein Mann mit einem pfäffischen Lächeln, das sich ätzend bis ins Innerste der Figur frisst.

Die Arztsoldaten entstammen einer Militärklamotte: Ihr Alltag ist Drill, Gutelaunemachen, dem Chef nachlaufen, Stillhalten, Unglück abnicken, Horror weggrinsen. Eine Polonaise der Untoten, von der etwas Kresnikhaftes ausgeht.

Wieler verhöhnt einen Habitus, in die Welt jenseits des Hohns dringt er nie vor. Sein Zorn kennt nur den Plural: Die Ärzteschaft ist das große weiße Wir, das dem Feind ins Auge blickt und dabei erblindet

sie neigt sich über die Phänomene, ohne von ihnen ergriffen, verändert, verschlungen zu werden. Sie ist stolz darauf, alles gesehen zu haben und dabei, nein, nicht anständig, aber "vernünftig" und heiter geblieben zu sein. Es gibt hier kein richtiges Leben im falschen, aber ein strahlendes Leben im Grauen: die Fähigkeit der Ärzte, aus jeder Patientenkatastrophe unschuldig und gestärkt hervorzugehen.

Der Protagonist Raspe (Fabian Gerhardt), Alter Ego des Autors und Mediziners Rainald Goetz, ist Gastgeber und allwissender Erzähler: Bei seinem ersten Auftritt prüft er, mit Goetz gesprochen, den space des Abends. Was folgt, sind Rückblenden, alte Filme, da müssen Licht und Ton stimmen. Der Künstler erzählt einen Schock aus seinem Leben, er nimmt uns mit auf die Sondermüllhalde seiner Vergangenheit: Hier war ich, von hier floh ich, von hier beziehe ich meine Gifte und meine Wut.

Bei Wieler wird aus Irre eine Variante von Goethes Torquato Tasso in den Zeiten des Wohlfahrtsstaats: Raspe ist der überspannte, schutzlose Künstler, geduldet an einem Hof, dessen Herrschaften über den Wahnsinn gebieten. Die Herrschaften amüsieren sich über den Bewegungsdrang des hageren Jungen, sie mögen seine Tänze, sie fangen und lähmen ihn mit ihrem "du". Aber die wahren Künstler, darüber lassen sie keinen Zweifel, sind sie selbst. Ihr Material ist der kranke Mensch, ihre Werkzeuge sind der Elektroschock und das Medikament, und ihre künstlerische Handschrift offenbart sich in der Dosis, die sie durchs kranke Material jagen.

All das ist grauenhaft, aber es langweilt. Rainald Goetz' Irre sterben in Hannover einen weißen, kalten Schneetod. Sie haben sich vom Theater ihren Schatten abkaufen lassen.