Harry Potter würde so bald kein Interview mehr geben, das war klar. Nach seinen Erfahrungen im vierten Schuljahr in Hogwarts musste sein Vertrauen in Journalisten beim Gefrierpunkt angekommen sein. Rita Skeeter vom Daily Prophet hatte ihm gezeigt, zu welchen Tricks Klatschreporter fähig sein konnten, um an eine Geschichte zu kommen. Harry würde freiwillig mit keinem Journalisten mehr sprechen.

Andererseits: Harry war, nach seinem bitteren Sieg im großen Zauberturnier, populärer als je zuvor. Und am 14. Oktober war Weltpremiere für die deutsche Ausgabe des vierten Bandes! Ein Bild, ein paar Worte von ihm könnten dem glücklichen Pressemann einen nicht unbeträchtlichen Betrag in Sterling einbringen. Ich fing an zu grübeln, wo ich Harry überraschen könnte. Hogwarts ist von Professor Dumbledore so mit Bannflüchen umgeben worden, dass Fort Knox dagegen ein Gartenhaus ist. Überhaupt waren ja noch Ferien, die Schule würde leer sein.

Harry überraschen? Na klar: am Bahnhof King's Cross

Ein Besuch bei Harrys Verwandten kam ebenfalls nicht infrage. Das Städtchen, in dem die Dursleys wohnen, wird im Buch nicht mit Namen genannt. Den Ligusterweg zu finden war also unmöglich, und selbst wenn es gelänge, würde Onkel Vernon mir wahrscheinlich die Polizei auf den Hals hetzen. Im Übrigen hatten die Weasleys Harry natürlich in den Fuchsbau eingeladen. Aber selbst wenn ich den Ort Ottery St. Catchpole finden könnte - eine Aufgabe, die nach längerem Studium der Generalstabskarte aussichtslos erschien -, so war doch der Fuchsbau wenig einladend für unangemeldete Besucher. Frau Weasley würde Harry gegen Eindringlinge verteidigen. Die Zwillinge Fred und George mit ihrem bizarren Sinn für Humor hätten sicherlich ein paar unschöne Späße für einen Muggel bereit, der überraschend an die Tür klopfte. Bei meinem Glück würde mich sogar einer der bissigen Gartenzwerge erwischen.

Die Erhellung kam, als ich zum Feierabend im Bus Nr. 214 in Richtung Liverpool Street Station fuhr und nach links aus dem Fenster sah. Es war doch alles vorgegeben, wenn ich Harry Potter überraschen wollte: London, King's Cross Station am 1. September um 11 Uhr morgens! Zu Beginn eines jeden Schuljahres fährt von diesem Bahnhof am gleichen Tage und zur gleichen Zeit der Hogwarts Express zu Harrys Schule.

Eigentlich erstaunlich. Nur etwas mehr als eine Straßenbreite entfernt liegt die sehr viel imposantere St. Pancras Station mit ihrer rötlichen, neugotischen Fassade und der mittelalterlich wirkenden Einganghalle. Hier würde man sich als Muggel eher einen Zug aus der Welt der Zauberer vorstellen. Die King's Cross Station dagegen - ein Klotz aus gelbgrauem Backstein, glatte Front und Seiten, nur die beiden großen Bogenfenster und der hohe Uhrenturm geben dem Bau etwas Klasse. Die Tatsache, dass dieser Kopfbahnhof auf dem Gelände eines ehemaligen Pockenhospitals gebaut wurde, macht ihn nicht attraktiver. Auch die Umgebung hat nicht den besten Ruf. Hier kann man zu jeder Tageszeit bewusstseinserweiternde Stoffe erwerben, in einigen Ecken findet man fröhliche Runden von Trinkern beim Starkbier, und eine nicht geringe Anzahl der weiblichen Passanten läuft auffallend langsam herum.

Ein Studium der Straßenführung unter Beachtung des Linksverkehrs sowie der bisherigen vier Bücher über Harry ergab, dass er nur in Gray's Inn Road, zwischen Eddie's Fish Bar und dem italienischen Restaurant Casa Mamma, aus dem Auto ausgestiegen sein konnte, bevor er die erwähnte "verkehrsreiche Straße" überquerte. Einen Bus oder die Untergrundbahn würde er mit den Weasleys kaum benutzen, da diese Transportmittel der Muggelwelt für seine Freunde zu kompliziert sind. Trotzdem - mit Sicherheit konnte ich Harry nur vor dem Bahnsteig 9 abfangen.