Mit Nancy Wexler ein Treffen zu vereinbaren ist schwierig - sie dann auch wirklich zu treffen fast unmöglich. Die Sekretärin in ihrem Büro an der Columbia University in New York ist geübt darin, Anrufer zu vertrösten und sich für geplatzte Termine zu entschuldigen. Nancy Wexler hat Wichtigeres zu tun, als mit Journalisten zu reden. Sie jagt einen Killer. Ihre Mutter, deren drei Brüder, den Großvater, die Großtante und den Urgroßvater hat er bereits umgebracht, und vielleicht ist sie die Nächste auf seiner Liste. Nach Dutzenden Anrufen kommt es schließlich zu einem Telefoninterview. "Frau Wexler, haben Sie den Test gemacht?" - "Darüber möchte ich nicht sprechen.

Das ist meine Privatsache."

Der Test! Als der Polizist sieht, wie die Frau über einen Parkplatz in der Innenstadt von Los Angeles torkelt, gibt es den Test noch nicht. Es ist 1968, man muss noch warten, bis sich das Schicksal von selbst zu erkennen gibt. Der Polizist fragt, ob sie sich nicht schäme, sich mitten am Tag zu betrinken.

Doch sie hat nicht getrunken, sie geht zum Arzt. Einige Wochen später gibt ihre Familie es auf, ihr die Diagnose zu verheimlichen. So erfährt sie, was sie wohl schon lange vermutet hatte: Die motorischen Störungen sind die ersten Zeichen von Chorea Huntington. Die Frau ist Leonore Sabin Wexler, Nancy Wexlers Mutter. Nancy muss machtlos dem langsamen Verfall ihrer Mutter zuschauen. Mit jedem Loch, das die Krankheit in ihr Hirngewebe frisst, verfällt ein Muskel mehr der Choreografie des Wahnsinns. Auf einer zehnjährigen Odyssee durch Pflegeheime und Spitäler verliert die Mutter nach und nach die Kontrolle über Körper und Geist. Sie gibt das Rauchen auf, als die Zigarette den Mund nicht mehr trifft, lässt den Fernseher wegstellen, als die Bilder in ihrem Kopf springen. Sie sitzt stundenlang verdreht in einem Sessel, das Gesicht im Sekundentakt zu neuen Grimassen verzerrt, Arme und Beine wild zuckend. Eine Marionette an den Fäden eines Verrückten. Der körperliche Verfall wird vom geistigen begleitet: Depression, Wutausbrüche, paranoide Angst vor anderen Patienten. Ihre Sätze lösen sich in unverständliches Lallen auf. Es scheint, als beraube Huntington die Frau dessen, was sie zum Menschen macht. Ihr früherer Ehemann - das Paar hat sich vier Jahre vor der Diagnose scheiden lassen, bleibt aber eng befreundet - beschreibt die Erbkrankheit später als "eine Mischung aus Alzheimer und Krebs".

An Chorea Huntington stirbt man 10 bis 20 Jahre lang

Chorea Huntington hat in jeder Generation der Familie von Leonore Sabin Wexler mindestens ein Opfer geholt. Die ersten Symptome zeigen sich normalerweise im Alter zwischen 35 und 50 Jahren. Das Sterben danach dauert 10 bis 20 Jahre. Behandlungen gibt es keine, die Krankheit führt immer zum Tod. Leonore Sabin Wexler wusste um die Krankheit, obwohl ihre Familie sie stets verheimlicht hatte. Beim Begräbnis des Vaters hatte sie ihre Mutter darüber sprechen hören. Später las sie, nur Männer könnten Huntington bekommen. Als sie 1937 den Juristen Milton Wexler heiratete, erzählte sie ihm nichts vom schwierigen Erbe in ihrer Familie. Er erfuhr erst Jahre später davon, als die Krankheit bei seinen drei Schwägern ausbrach. Mit ihren Töchtern Nancy und Alice zu sprechen, hielt das Paar nicht für nötig. Leonore Sabin Wexler glaubte fest daran, sie selbst und ihre Töchter seien sicher vor Chorea Huntington. Bis zu jenem Tag, als der ahnungslose Polizist ihren Verdacht weckt. Kurz darauf ruft Milton Wexler seine beiden Töchter zu sich.

Nancy ist 23 Jahre alt und studiert Psychologie, ihre drei Jahre ältere Schwester Alice bereitet sich auf ihre Doktorprüfung in Geschichte vor. Er teilt ihnen mit, dass bei beiden eine Wahrscheinlichkeit von 50 Prozent bestehe, wie ihre Mutter an Huntington zu erkranken. Die erste Reaktion überrascht ihn. "Fifty-fifty? Das ist doch gar nicht so schlecht", sagen Nancy und Alice. In Wahrheit fürchten sie sich zu Tode. "Was mir von diesem Tag blieb, ist, dass unsere Mutter sterben würde und ich mich entschied, niemals Kinder zu haben", erinnert sich Nancy Wexler.