Waffenstillstand geschlossen, Frieden gerettet? So einfach sind die Dinge nicht mehr seit dem jüngsten Krieg in Nahost. Krieg? Eine Intifada mit Steinen und Benzinbomben wie die von 1987 bis 1994 war das nicht mehr. In den besetzten Gebieten sahen sich die Israelis zum ersten Mal mit einer richtigen Truppe konfrontiert: mit "Polizisten" als Protoarmee.

Ganz gleich, ob der Waffenstillstand von Scharm asch-Scheich hält oder nicht, gilt es für alle Haupt- und Nebenakteure, Abschied zu nehmen von Illusionen - oder sie zumindest am kalten Realitätssinn zu messen. Die klassische Formel "Land für Frieden" ist tot, jedenfalls so tot wie ein Samenkorn im arktischen Frost. Gewiss: Noch letzte Woche haben fast zwei Drittel der Israelis für die Rückkehr zum Verhandlungstisch plädiert. Worüber aber soll verhandelt werden?

Über die Schuldfrage? Die ist schnell beantwortet. Oppositionsführer Scharon hat mit seinem Tempelberg-Ausflug gezielt ein Streichholz geworfen. Aber Arafats Palästinenser haben geradezu darauf gewartet, provoziert zu werden - wie eine Benzinlache, die nach dem Funken lechzt. Der Protokrieg war denn auch generalstabsmäßig vorbereitet.

Wer war noch schuld? Ehud Barak, der mit exzessiver Gewalt geantwortet hat, obwohl er sich ausrechnen konnte, dass seine Armee an vorderster Front auf Halbwüchsige treffen würde; welcher Palästinenser wird je das Bild von dem erschossenen Jungen vergessen? Ferner seine Siedler, die auf Palästinenser losgegangen sind; Assad junior, der es der Hizbullah erlaubt hat, im Norden Israels die gefährlichste Front überhaupt zu eröffnen; Mubarak, der Ägypter, der viel zu spät seine Autorität in die Waagschale der Mäßigung geworfen hat; Saddam Hussein, der seine Elite-Truppen westwärts verlegt hat; Jacques Chirac, der - wahnwitzig - Arafat ermuntert hat, einen früheren US-Waffenstillstandsvorschlag zu verwerfen. Damit hat er die EU als Vermittler in Scharm diskreditiert; umso besser, dass Kanzler Schröder nun doch an seinem Plan festhält, am Monatsende den Nahen Osten zu bereisen, um so ein Stück Glaubwürdigkeit für Europa zurückzugewinnen.

Doch wer in Nahost Schuld aufrechnet, landet rasch beim Obersten Landesverweser, der vor rund 3500 Jahren den Kindern Israels Kanaan zusprach. Wo sich Gott und Glauben mit Land und Legitimität verquicken, geht es schneller in die Hölle als in den Himmel; an beiden Orten gibt es keine Verhandlungstische. Jassir Arafat hat nun in Scharm asch-Scheich seine Untersuchungskommission bekommen, Ehud Barak ein droit de regard über ihr Urteil. Das mag einstweilen die Gemüter beruhigen; vorwärts bringen wird es Israelis und Palästinenser kaum.

Das Problem, das dieser Protokrieg wie ein Blitz erhellt hat, ist der Fluch der "konzentrischen Belagerungsringe". Im kleinsten Kreis sitzen die Palästinenser, übrigens auch die arabischen Israelis als Bürger zweiter Klasse - eingeschlossen von der regionalen Supermacht Israel im zweiten Ring. Doch just dahinter dräut der dritte Ring, die arabische Welt. Schließlich der vierte: die muslimische umma, die von Marokko nach Indonesien reicht. Wer dann wen als Opfer oder Aggressor sieht, hängt davon ab, aus welcher Belagerungszone er wohin blickt. Wenn Mubarak (wie in Scharm asch-Scheich) die israelische Gewalt als "Aggression gegen die Schwachen" brandmarkt, dann vergisst er, wie dieser hoch gerüstete High-Tech-Nachbar die Welt sieht: hier Syrien, das die Hizbullah in die Offensive ziehen lässt; dort der Irak, der mit dem großen Krieg spielt; hier Ägypten, das allenfalls einen "kalten Frieden" gewährt; dort Libyen, das den Dschihad predigt; weiter weg Iran, der die Hizbullah munitioniert, obwohl sich die Israelis aus dem Südlibanon zurückgezogen haben.

Doch ist Politik nicht Psychotherapie, die ihre Patienten die richtige Interpretation der Wirklichkeit lehren könnte. Der Vergleich ist überhaupt falsch, weil die Kombattanten (abgesehen von den vernebelten Gotteskriegern auf beiden Seiten) gar nicht so verrückt sind, wie sie sich den Anschein geben. Es geht um so handfeste Dinge wie Sicherheit, Sektoren und Souveränität. Und dann um Illusionen und Fehlkalkulationen.