Die Reformpläne der Bundeswehr werden mit der von Verteidigungsminister Rudolf Scharping kürzlich vorgestellten "Grobausplanung" deutlich konkreter. Struktur und Führungsorganisation der neuen Truppe, die bis zum Jahr 2010 ihre endgültige Gestalt angenommen haben soll, treten nun aus dem Nebel. Das Dilemma des Ministers ist nur, dass damit auch eine offene Frage immer deutlicher und dringender wird: Wie soll das alles bezahlt werden?

Vieles, was das nun präsentierte Papier "Neuausrichtung der Bundeswehr" vorschlägt, ist so bekannt wie überfällig und richtig: die Aufstockung der Kriseneinsatzkräfte auf 150000 Mann; die Zusammenfassung der Sanitätsdienste; und schließlich die Bündelung der Aufgaben von Führung, Aufklärung, Unterstützung und Ausbildung, die bisher jede der drei Teilstreitkräfte für sich erledigte.

Geradezu revolutionär (und eigenartigerweise bisher kaum beachtet) sind dagegen die Änderungen an der Spitze der uniformierten Truppe. Denn Macht und Einfluss des Mannes, der direkt unter dem Minister die Umsetzung der Planung verantwortet, werden deutlich aufgewertet: Der Generalinspekteur wird künftig Vorsitzender der neu zu schaffenden Einsatz- und Rüstungsräte. Ein mutiger Schritt, zumal für einen Sozialdemokraten. Denn seit dem Blankeneser Erlass, 1970 von Helmut Schmidt verfügt, war Deutschlands ranghöchster Militär ein Mann ohne Macht; ein Unikum in Europa und der Nato. Oberste militärische Befehlshaber im Krisenfall waren die Chefs der Teilstreitkräfte, die auch für ihre eigene Ausrüstung verantwortlich waren. Das Resultat: ein balkanisches Beschaffungswesen, bürokratische Wasserköpfe, legendäre Kompetenzrangeleien. In Zukunft wird sichergestellt sein, dass organisatorisch alle an einem Strang ziehen.

Der Primat der Politik bleibt gewahrt, indirekt wird er sogar gestärkt. Denn mit am Tisch von Einsatz- und Rüstungsrat sitzt der neue Chef-Controller. Er ist dem Minister unmittelbar für die Wirtschaftlichkeit des Unternehmens Bundeswehr verantwortlich. Endlich: Controlling bei der Bundeswehr - länger als 20 Jahre hatten die Streitkräfte mit ihren rund 440000 Beschäftigten und ihrem 47-Milliarden-Etat auf eine Einrichtung warten müssen, auf die selbst mittelständische Unternehmen schon lange nicht mehr verzichten.

Dass die Bundeswehr mit dieser Neuerung "mehr Planungssicherheit und auch mehr finanzielle Beweglichkeit" bekommt, wie der Verteidigungsminister bei der Vorstellung seines Papiers in Kabinett und Bundestag versicherte, wird keiner bestreiten. Nur: Auch ein noch so gewiefter Controller muss mit dem Geld wirtschaften, das er hat. Genau da aber beginnen die Unstimmigkeiten der Scharpingschen Reformen: Die neue Bundeswehrplanung muss mit der Haushaltsrealität in Einklang gebracht werden. Und die sieht nun einmal so aus: Bis 2003 soll der Verteidigungsetat stetig sinken, auf schließlich 45,7 Milliarden Mark. Der Minister ist der Überzeugung, die Reform sei ohne eine zusätzliche Finanzspritze zu bewältigen; der frühere Generalinspekteur Klaus Naumann indes hält dieses Vorgehen für "absolut brüchig und noch nicht einmal in Ansätzen seriös".

Woher Scharping seine Zuversicht nimmt, ist in der Tat nicht leicht nachzuvollziehen. Die geplanten Personalkürzungen - von 315000 auf 280000 Uniformierte und von 130000 auf höchstens 90000 Zivilbedienstete - werden mittelfristig Einsparungen bescheren, gewiss; aber im günstigsten Fall nicht mehr als eine halbe Milliarde Mark. Das Geld will Scharping überdies in die Truppe reinvestieren. Vor allem die unteren Ränge sind chronisch unterbezahlt, und für die neuen internationalen Einsätze müssen sämtliche Dienstgrade fit gemacht werden.

Zur Achillesferse der neuen Personalplanung könnte die Neugestaltung der Wehrpflicht werden: Bei einer Aufteilung des Waffendienstes in eine Grundausbildungszeit von sechs Monaten und drei später abzuleistende Abschnitte von je einem Monat ist es nur zu wahrscheinlich, dass viele der Eingezogenen den zusätzlichen Waffendienst verweigern werden. Gefreite mit einer Ausbildung von einem halben Jahr sind aber nutzlos. Und ob sich wirklich von den künftig 80000 einzuberufenden Wehrpflichtigen ganze 27000 zu einem längeren Dienst von bis zu 23 Monaten verpflichten werden wollen, wie es das Ministerium hofft, ist höchst fraglich; derzeit verpflichten sich nur acht Prozent der Eingezogenen. Der Anreiz müsste schon sehr groß sein und damit teuer, wenn Scharpings Rechnung hier aufgehen soll.