Anfang der achtziger Jahre, nachdem polnisches Militär kurzen Prozess mit der Freiheitsbewegung der Solidarnozc gemacht hatte, überschwemmmte eine Flut von Polenbüchern die westlichen Buchhandlungen. Für Reporter, die bei jeder Revolution und bei jeder Niederlage dabei sein müssen, war es geradezu eine Pflicht, sich vor dem Danziger Werfttor ablichten zu lassen. Manche westlichen fellow travellers der SolidarnoŽc lernten sogar kurzfristig Polnisch, um die "wahre Revolution" und den "heroischen Widerstand" hautnah erleben und beschreiben zu können.

Der britische Historiker Norman Davies gehörte nicht zu dieser Spezies. Bereits in den sechziger Jahren arbeitete er sich in das Gestrüpp der polnischen Geschichte, Kultur und Mentalitäten hinein. 1972 veröffentlichte er das Buch White Eagle, Red Star über den polnisch-bolschewistischen Krieg von 1920, der mit einem Sieg Pilsudskis endete und nicht nur die frisch erworbene staatliche Existenz Polens rettete, sondern auch die europäische Geschichte maßgeblich beeinflusste. Davies entdeckte dabei, dass der polnisch-russische Gegensatz ein grundsätzlicher war, mit einer immer noch nicht abgeschlossenen Vor- und Nachgeschichte. Er vertiefte seine Nachforschungen, und das Ergebnis war ein zweibändiges Opus über die polnische Geschichte, God's Playground (1982), das inzwischen in Polen eine Standardlektüre ist. Das Buch ist ein gewaltiger Entwurf, der die politischen Abläufe mit der Kultur, der Psychologie, den wirtschaftlichen und historischen Gegebenheiten verbindet und manchmal Kontinuitäten über Jahrhunderte hinweg aufdeckt, die selbst den Polen nicht immer offenkundig sind. Vor allem aber bindet Norman Davies die polnische Geschichte in die westeuropäische ein und deckt Analogien zu englischen, deutschen oder französischen Entwicklungen auf, die seit dem 19. Jahrhundert unter dem massiven Druck der preußischen und russischen Geschichtsschreibung entweder verdrängt oder verzerrt dargestellt und herabgewürdigt wurden. Das Neue an der "Spielwiese Gottes" war, dass sie selbst die in der westlichen Geschichtsschreibung so oft verpönte, wenn nicht völlig ignorierte erste polnische Rzeczpospolita, die Adelsrepublik des 16. bis 18. Jahrhunderts, als einen wichtigen Beitrag zum europäischen Republikanismus darstellte.

Mit Heart of Europe (1983) - einer Geschichte Polens, die nun auf Deutsch vorliegt, freilich unter dem leicht abgeänderten Titel Im Herzen Europas - lieferte Davies dann profunde historische Deutungen der polnischen Verhaltensweisen während des Aufbruchs der SolidarnoŽc, aber auch der Mechanik der europäischen und der russischen Polenpolitik seit 250 Jahren. Ausgehend von der Gegenwart, wird in fünf Akten das lebendige Erbe erklärt, das es den Polen ermöglichte, nicht nur das "gestohlene" 19. Jahrhundert als eine Gesellschaft und Kulturnation ohne staatliche Existenz nach den Teilungen durch Preußen, Russland und Österreich (1772, 1792, 1795) zu überbrücken, sondern im 20. Jahrhundert trotz aller Widrigkeiten zu einem gleichberechtigten Partner in Europa zu avancieren.

Im ersten Teil, Das Erbe der Demütigung, führt Davies den Kriegszustand 1981 konsequent auf den Verrat Polens durch seine westlichen Alliierten in Teheran 1943 und Jalta 1945 zurück, wodurch Stalin praktisch freie Hand in Polen erhielt. Im zweiten Teil, Das Erbe der Niederlage, analysiert er die polnische Kriegserfahrung, vom deutsch-sowjetischen Überfall 1939 über das militärische Engagement der Polen an fast allen Fronten des Weltkrieges, den Untergrundstaat und die Vernichtungspolitik der beiden Okkupanten, bis hin zur Westverschiebung des Landes mit seiner anschließenden Stalinisierung. Der dritte Teil, Das Erbe der Ernüchterung, behandelt die Zweite Republik der Zwischenkriegszeit, die Zerreißproben und den schließlich gelungenen Kraftakt der Vereinigung der Polen - nach fünf Generationen antipolnischer Innenpolitik aller drei Teilungsmächte. Ausgerechnet im 19. Jahrhundert der Teilungen entdeckt Norman Davies das Erbe der geistigen Stärke, denn zum polnischen "Sonderweg" gehörte es, gerade in der äußersten Unterdrückung Kreativität für Modernisierung zu entwickeln und zugleich - und das bildet den fünften Teil des Buches - aus dem Erbe der alten Kultur zu schöpfen, die durch den Gewaltakt der Teilungen, trotz der permanenten Anstrengungen der Teilungsmächte, nicht zerstört werden konnte. Im sechsten Teil schnürt Norman Davies all diese Fäden der polnischen Geschichte in der Gegenwart Volkspolens wieder zu, und daraus entsteht ein bravourös geschriebenes Fresko einer modernen und zugleich alten, in sich ruhenden politischen Kultur, die entwicklungsfähig und organisch in Europa verankert ist.

Norman Davies' Leistung besteht darin, dass er den "polnischen Sonderweg" 1983 aus der vermeintlichen Niederlage der SolidarnoŽc heraus erklärt, ohne ihn als akzeptable Norm für die europäische Realpolitik gutzuheißen und die politische Kraft, die sich noch im Scheitern verbarg, zu ignorieren. Und da er die ostmittel-europäische und polnische Geschichte gut kennt, verstand er es besser als viele andere, die Kontinuität der politischen Kultur zu schildern, die sich nicht allein auf die lange Kette von Auflehnungen gegen russische oder deutsche Bevormundung beschränkte. Er wusste um die Regenerationskräfte dieser Kultur und Tradition, die trotz größter Widrigkeiten Gegenkräfte mobilisieren und noch die widersprüchlichsten Tendenzen, politischen Lager und kulturellen Strömungen zu einer pluralistischen Vielfalt zusammenführen konnte.

Die große Wende von 1989 nicht vorausgeahnt

Im Herzen Europas spiegelt die Spannungen der damaligen Zeit. Davies gibt zu, wie so viele die große Wende des europäischen annus mirabilis 1989 nicht vorausgeahnt zu haben, doch die Kräfte, die sie von Polen aus im gesamten Ostblock vorbereiteten, legte er dennoch untrüglich offen: Dazu gehörte die ganze Palette der polnischen politischen Muster, von der romantisch-aufständischen Tradition des Untergrunds, die von der SolidarnoŽc - gewaltlos - reaktiviert wurde, über die reformerisch-positivistischen "Versöhnler", die - eingedenk der vielen jähen Wendungen in der polnischen Geschichte - realpolitische Zukunftsmodelle einer Machtrochade vorbereiteten, bis hin zu den "Kollaborateuren", die - als Erste im ganzen Ostblock - zu einem "Runden Tisch" mit der Opposition und zu einem stufenweisen Rückzug von der nicht durch das Votum der Gesellschaft legitimierten Macht bereit waren.