Eine Zigarrenschachtel mit Teilen eines Kieferknochens und zwei Zahnbrücken - das war alles, was Anfang Mai 1945 von Adolf Hitler übrig geblieben war. Das Werk der Zerstörung, das er hinterließ, war indes beispiellos. "Ich werde als der größte Deutsche in die Geschichte eingehen", hatte der Diktator gejubelt, als er sich im März 1939 auch noch den tschechischen Rumpfstaat einverleibt hatte. Am Ende ging er als der größte Verbrecher in die Geschichte ein. Er war, bilanziert Ian Kershaw im zweiten Band seiner Biografie, der "Haupturheber" des "barbarischten Krieges in der Geschichte der Menschheit" und zugleich der "Inspirator eines Völkermords, wie ihn die Welt niemals kennengelernt hatte". Doch der britische Historiker belässt es nicht dabei, seinen moralischen Abscheu zu äußern. Er stellt die Frage, die bis heute einer Antwort harrt: Wie konnte ein Volk, das sich für zivilisiert hielt, zum Komplizen eines derart verbrecherischen Regimes werden und diesem in den katastrophalen Untergang folgen?

Vor zwei Jahren erschien der erste Band, und er wurde zu Recht als ein herausragendes Ereignis gepriesen. Der britische Historiker überraschte zwar nicht mit grundlegend neuen Erkenntnissen, aber er hatte entschlossener als seine Vorgänger, allen voran Alan Bullock und Joachim Fest, den Versuch unternommen, individuelle und strukturelle Elemente zu verknüpfen, das heißt, die Persönlichkeit Hitlers in Beziehung zu setzen zur Gesellschaft, die ihn ermöglichte. Der Gewinn dieser Neuinterpretation war beträchtlich: Der Aufstieg des gescheiterten Künstlers vom Münchner Bierkelleragitator zum "Führer" und Reichskanzler wurde radikal entmystifiziert; schärfer als zuvor rückten die gesellschaftlichen Bedingungen und Kräfte ins Blickfeld, deren Produkt Hitler war und die er für seine Zwecke zu nutzen wusste. Kritikern blieb allerdings nicht verborgen, dass über die sozialgeschichtliche Akzentuierung die Psyche des Demagogen zu kurz kam und dass die ins Irrationale hineinspielende Verführungsmacht, die er auszuüben vermochte, durch den rationalistischen Zugriff Kershaws nicht restlos erklärt werden konnte.

Der mit Spannung erwartete zweite Band führt den methodischen Ansatz des ersten fort. Mit über 1000 Seiten Text (und fast 300 Seiten wissenschaftlichem Apparat) ist er noch einmal bedeutend umfangreicher ausgefallen. Das hängt zum einen damit zusammen, dass die wissenschaftliche Spezialliteratur in den letzten Jahren weiter angewachsen ist und der Autor wiederum seinen Ehrgeiz daransetzt, sie in ihrer ganzen Vielfalt aufzunehmen und im Lichte der eigenen Forschungen zu reflektieren. Zum anderen hat Kershaw seiner Neigung zur breiten, gelegentlich auch weitschweifigen Erzählung diesmal größeren Raum gegeben. Insgesamt wirkt die Darstellung nicht so durchgearbeitet, was möglicherweise auf den enormen Zeitdruck zurückzuführen ist, unter dem sie entstanden ist. Immer wieder referiert der Autor ausführlich Hitler-Reden, obwohl sie sich in der Sache häufig wiederholen. Und niemand wird so ausgiebig zitiert wie der Propagandaminister Joseph Goebbels. Dessen Tagebücher, die dank der beharrlichen Editionsarbeit Elke Fröhlichs vom Münchner Institut für Zeitgeschichte Zug um Zug zugänglich werden, spielen bei Kershaw die Rolle eines Schlüsseldokuments. Dabei hat er die stilisierende, auf die Nachwelt berechnete Tendenz mancher Goebbels-Notate nicht immer hinreichend bedacht. Zu Recht sehr kritisch beleuchtet er hingegen den Quellenwert der Erinnerungen und Aufzeichnungen Albert Speers, denen in Fests Biografie noch eine herausragende Bedeutung zukam.

Zeitlich schließt der zweite Teil dort an, wo der erste aufgehört hatte: an das Jahr 1936, als Hitler mit der Remilitarisierung des Rheinlands seinen bis dahin größten außenpolitischen Erfolg feiern konnte. Im Innern hatte er seine Macht konsolidiert. Der linke Widerstand war zerschlagen, die Arbeitslosigkeit weitgehend beseitigt. Der Diktator schwamm auf einer Woge der Popularität. Er hatte mehr erreicht, als er bei seiner Inthronisation am 30. Januar 1933 hatte hoffen dürfen. War es damit nicht an der Zeit, innezuhalten und die Früchte der Erfolge zu genießen?

Allein diese Frage stellen heißt für den Historiker aus Sheffield, das Wesen des Nationalsozialismus gründlich zu verkennen. Denn das sei auf "permanente Mobilisierung" und "unentwegte Radikalisierung" hin angelegt gewesen. Einen Stillstand habe es demnach gar nicht geben können. Drei Faktoren vor allem macht Kershaw für die sich fortzeugende Dynamik des NS-Regimes verantwortlich:

Erstens die Persönlichkeit Hitlers. Nach dem Rheinland-Coup war das Selbstbewusstsein des Reichskanzlers enorm gestiegen, ja Kershaw entdeckt bei ihm Züge eines Größenwahns. Zunehmend habe der "Führer" an seine Unfehlbarkeit geglaubt, sich als Vollstrecker einer "historischen Mission" gewähnt, die keinen Aufschub dulde. Das Sendungsbewusstsein habe sich mit der Furcht des Hypochonders verbunden, nicht mehr lange zu leben, und mit der Risikolust des Hasardeurs, der am Vorabend des Zweiten Weltkriegs bekannte: "Ich habe in meinem Leben immer va banque gespielt."

Zweitens die ideologischen Obsessionen Hitlers. Unter den Historikern herrscht weitgehend Einigkeit darüber, dass der "Führer" der NSDAP seit den zwanziger Jahren zwei Fernziele verfolgte, an denen er, ungeachtet aller taktischen Wendungen, unverrückbar festhielt: zum einen die Eroberung von "Lebensraum im Osten" als Basis für eine Vormachtstellung in Europa und später der Welt; zum anderen die "Entfernung" der Juden aus Deutschland und, wenn möglich, ganz Europa. Kershaw folgt dieser Interpretation, fügt allerdings hinzu, dass diese Ziele nur deshalb zur "Triebkraft des gesamten NS-Regimes" hätten werden können, weil große Teile der Gesellschaft bereit waren, sich mit ihnen zu identifizieren und zu ihrer Verwirklichung beizutragen. Den Traum von einem "Großdeutschen Reich" träumten auch die Eliten in Wirtschaft, Bürokratie und Militär. Und der Antisemitismus war, auch das betont der Autor zu Recht, in der deutschen Gesellschaft schon vor 1933 weiter verbreitet, als man bis heute gemeinhin anzunehmen geneigt ist.