Im Januar 1995 erschien im Journal of Democracy ein Aufsatz unter dem etwas merkwürdigen Titel: Bowling Alone. America's Declining Social Capital. Den Verfasser kannten damals nur einige Experten aus der akademischen Welt: Robert D. Putnam, Politikwissenschaftler in Harvard, hatte in den siebziger Jahren bemerkenswerte Studien über die soziokulturellen Voraussetzungen der Demokratie veröffentlicht. Bowling alone avancierte rasch zum meistzitierten Artikel in der heutigen Sozialwissenschaft. Jetzt liegt das Buch vor, ein eindrucksvolles Werk von über 500 Seiten, über 100 davon Tabellen, Schaubilder, Fußnoten. Es ist nicht schwer vorherzusagen, dass dieses Buch Beachtung finden wird wie wenige andere: Vor etwa einem halben Jahrhundert hat David Riesman die einsame Masse heraufziehen sehen, John K. Galbraith die Widersprüche einer Gesellschaft im Überfluss analysiert. Später dann hat Betty Friedan den Weiblichkeitswahn dekonstruiert und Rachel Carson den stummen Frühling als Menetekel an die Wand gezeichnet. Robert Putnam warnt nun vor der anderen, der "sozialen" Umweltkatastrophe.

Die Bedeutung dieser Bücher entspringt weder der Gelehrsamkeit, die sie ausstrahlen, noch den Vorschlägen, die sie machen, sondern eher dem Umstand, dass sie einen Nerv der Zeit treffen, ein wichtiges Thema mit dem Mut zur Theorie und der Geduld zum empirischen Detail erörtern und durch eine einfache, klare und wirkungsvolle Botschaft die öffentliche Aufmerksamkeit neu fokussieren. Putnam hat darüber hinaus ein Buch geschrieben, das sich gut liest, auf keiner Seite langweilt und den Leser teilhaben lässt an der Reise von skurrilen Beobachtungen zu originellen Theorien. Eines Tages ist ihm aufgefallen, dass zwar immer mehr Amerikaner diesem seltsamen Freizeitvergnügen (Bowling) nachgehen, aber es immer weniger in Vereinen tun. Bowling alone war erfunden. In Italien spürte er der Frage nach, warum die lokale Demokratie in einigen Regionen ganz gut und in anderen ganz schlecht funktioniere, und er entdeckte - die Gesangvereine: Je mehr es gab, umso besser waren Politik und Verwaltung.

So entstand das Buch Making Democracy Work, in dem er die Bedeutung des sozialen Kapitals für Staat, Wirtschaft und Gesellschaft bereits andeutete. "Die zentrale Idee ist", so schreibt er jetzt, "dass soziale Netzwerke einen Wert haben. Sie erhöhen nämlich die individuelle wie die kollektive Produktivität, so wie ein Schraubenzieher (physisches Kapital) und eine gute Ausbildung (Humankapital) dies auch tun." Das Buch zeigt nun, wie flächendeckend das soziale Kapital schwindet, warum und mit welchen Folgen, und es macht Vorschläge, bringt eine Agenda for Social Capitalists.

Soziale Tugenden sind nicht nur gut, sondern auch nützlich

Putnam diagnostiziert für die USA nichts weniger als einen sozialen Gezeitenwechsel: "In den ersten zwei Dritteln des 20. Jahrhunderts hat eine mächtige Strömung die Amerikaner in ein immer stärkeres Engagement für ihre Gemeinschaften getragen, aber vor wenigen Jahrzehnten hat sich diese Strömung unspektakulär und ohne Vorwarnung gewendet. Ohne es zunächst zu bemerken, haben wir uns im letzten Drittel des Jahrhunderts voneinander und von unseren Gemeinschaften entfernt." Putnam beschreibt eine Gesellschaft, in der die Menschen das Vertrauen verloren haben: ineinander und in die Politik; eine Gesellschaft, in der das Engagement der Bürger in dem und für das Gemeinwesen immer mehr zurückgegangen ist, und zwar "bei Männern und Frauen; bei reichen Amerikanern, bei armen Amerikanern; bei College-Professoren und bei Schulabgängern; an der Ostküste, an der Westküste, im Mittleren Westen; in den Großstädten, in den Vorstädten, auf dem Lande".

Was sind die Ursachen? Putnam nennt die Knappheiten an Zeit und Geld in einer immer härteren Gesellschaft sowie die Verstädterung der Suburbs und die langen Wege zwischen Wohnen und Arbeiten. Wichtiger aber erscheinen ihm die Folgen des Fernsehens, überhaupt der elektronischen Unterhaltung, die zu einem privatistischen Gebrauch der Freizeit geführt habe. "Wir sehen nicht einmal mehr gemeinsam fern. Jeder schaut für sich allein." Die wichtigste Ursache jedoch für den Niedergang des sozialen Kapitals sieht er in der Generationenfolge: "Jedes Jahr nimmt der Tod der amerikanischen Gesellschaft wieder eine Anzahl engagierter Menschen weg, und diese werden ersetzt durch wesentlich weniger engagierte Menschen." So what?, könnte man sich mit dem Autor fragen: Was ist eigentlich so schlimm daran? Zu den Stärken des Buches gehören ohne Zweifel die Passagen, in denen er die positiven Auswirkungen der sozialen Vernetzung (social connectedness) analysiert und entsprechend die sozialen Katastrophen, wenn der soziale Zusammenhalt zerfällt. Je vitaler die Gesellschaft, die "civic culture" eines Gemeinwesens, desto besser stehen die Chancen für gute Schulen wie für gute Gesundheit, für die innere Sicherheit und für die wirtschaftliche Prosperität, desto schlechter sind die Aussichten für Kriminalität, Drogenkonsum oder Arbeitslosigkeit. Mit guten Gründen und vielen Zahlenreihen weist er nach, dass eine Gesellschaft ohne soziales Kapital ihre Ziele nicht erreichen und soziale Übel nicht erfolgreich bekämpfen kann.

Putnam ist oft dafür kritisiert worden, dass er seinen Blick zu sehr auf die traditionellen Formen des sozialen Engagements richte. Er behauptet nicht, dass seine Befunde übertragbar seien, doch trägt er sie mit einer solch suggestiven Wucht vor, dass man meinen könnte, der Niedergang des sozialen Kapitals sei in diesem Ausmaß die notwendige Folge der Modernisierung. Das muss aber keineswegs so der Fall sein. Die Entwicklung hängt auch von politischen Entscheidungen ab und von den sozialen Offerten, die im gesellschaftlichen Angebot sind. Eine Politik, die den sozialen Verfall wenden und den Zusammenhalt stärken will, muss aber sorgfältig differenzieren und ihre Angebote auf die jeweiligen Milieus abstimmen. Weil er das nicht sieht, bleiben Putnams Vorschläge blass.