Wenn Geschichte nicht nur als Antiquität, sondern auch als Herausforderung für die Gegenwart betrachtet wird, kann der Blick auf historische Konflikte belastend oder auch befreiend wirken. Beide Möglichkeiten hat Thomas Urban, der Polen-Korrespondent der Süddeutschen Zeitung, auf eindrucksvolle Weise verknüpft und ohne Scheu vor nationalen Tabus die tausendjährige schwierige Nachbarschaft zwischen Polen und Deutschen verständlich gemacht, indem er an ihre wichtigsten Schauplätze führt: die sieben größten Städte Polens, die noch vor hundert Jahren deutsch, österreichisch oder russisch waren: Breslau (Wroc¬aw), Posen (Poznaº), Danzig (Gdaºsk), Kattowitz (Katowice), Krakau (Kraków), Warschau (Warszawa), Lodz (Lódz).

Im Schicksal dieser Städte und ihrer Menschen spiegelt sich eine Entwicklung vom mittelalterlichen, halbwegs guten Miteinander zum spannungsgeladenen Nebeneinander im Zeichen nationalen Erwachens und dann zum schrecklichen Gegeneinander des 20. Jahrhunderts, das in der mörderischen Unterdrückung von Millionen Polen und der Zwangsaussiedlung von Millionen Deutschen gipfelte. Erst heute erscheint es überbrückt, auch durch Zeichen versöhnlicher Nachbarschaft wie etwa bei der gegenseitigen Hochwasserhilfe an der Odergrenze oder bei der Erhebung des vertriebenen Danzigers Günter Grass zum Ehrenbürger von Gdaºsk.

Auch wenn dieses Buch unvermeidlich "vor allem düstere Seiten der deutsch-polnischen Geschichte" behandelt, vermeidet der Autor bewusst ausdrückliche Anklagen wie Rechtfertigungen, sondern will "ohne Wertung" die Tatsachen sprechen lassen. Thomas Urban, 1954 als Sohn deutscher Breslauer geboren und verheiratet mit einer Polin aus Wroc¬aw, beruft sich nicht auf die Gnade später Geburt. Er widmet sein Buch dem Historiker und Moralisten Jan Józef (1926 bis 1991) und folgt dessen Rat: "Versöhnung nur durch Wahrheit ... Deutsche und Polen müssen einander mehr ihre Geschichte erzählen!" Und ebendies fördert Urban, indem er neueste Forschungsergebnisse beider Seiten zu einer historischen Rundschau verarbeitet. Da sie als Streifzug durch Städte-Geschichten angelegt ist, könnte sich dabei mancher epochale Faktor zum lokalen verflüchtigen - etwa die polnische Art von Katholizismus und Kommunismus oder deutscher Militarismus und Rassismus. Doch solchem Missverständnis entgeht das Buch fast immer schon dadurch, dass wichtige Signale für beide Nationen aus ebendiesen Städten kamen.

So war Warschau der Schauplatz von Hitlers Siegesparade, und es erlitt nach zwei niedergeschlagenen Aufständen seine totale Zerstörung, dann seine Auferstehung im Warschauer Pakt. Doch es erlebte auch den Kniefall Willy Brandts, die symbolische Geste eines deutschen Kanzlers schon zwei Jahrzehnte vor der Wende im Osten und im polnisch-deutschen Zusammenleben.

Thomas Urban:Von Krakau bis Danzig. Eine Reise durch die deutsch-polnische Geschichte; C. H. Beck Verlag, München 2000; 352 S., Abb., 48,- DM