Am 3. Oktober 1990 wurde Deutschland, was es einst auf keinen Fall hatte sein wollen: eine Staatsnation nach dem Muster der großen westlichen Demokratien. Jetzt aber ist "Deutschland" auch seinem offiziellen Selbstverständnis nach mit dem Gebiet identisch, das innerhalb seiner staatlichen Grenzen liegt und der Geltung seiner demokratischen Verfassung unterworfen ist. Mit dem definitiven Verzicht auf die ehemaligen Ostgebiete und mit der Bekräftigung ihrer Integration ins atlantische Bündnis sowie in den europäischen Einigungsprozess nahm die Bundesrepublik endgültig Abschied von der Reichsidee, deren Wirkungsmacht die Deutschen lange Zeit in erbitterten Gegensatz zum Westen gebracht hatte.

Der Reichsgedanke war es, der über Jahrhunderte hinweg die Vorstellung genährt hatte, die deutsche "Kulturnation" sei größer als die staatliche Form, in der sie sich jeweils materialisierte. Selbst das Bismarck-Reich galt weiten Teilen der Nation nur als "kleindeutsche Lösung" und damit als bloße Vorform kommender, größerer Herrlichkeit. Aus der Erinnerung an das mittelalterliche Heilige Römische Reich deutscher Nation leitete der Reichsmythos den Anspruch des deutschen Volkes ab, der berufene Hüter der abendländischen Werte und daher zur Führung Europas bestimmt zu sein. Und mehr noch: "Das Reich", das nach den Worten des radikalen Nationalisten Moeller van den Bruck "immer verheißen" worden, aber nie ganz zu verwirklichen sei, nahm im deutschen Nationalbewusstsein den Rang einer innerweltlichen Erlösungsidee ein.

Dieser chiliastische Impetus der Reichsidee war es auch, der Hitlers Wahnideologie mit dem Selbstverständnis deutscher bildungsbürgerlicher Eliten kompatibel machte. Folgerichtig definiert der Berliner Historiker Heinrich August Winkler im jetzt vorliegenden zweiten Band seiner Deutschen Geschichte den Nationalsozialismus als eine "totalitäre politische Religion". Sie enthielt weit mehr als "nur" ein radikal nationalistisches, rassistisches Expansionsprogramm, mehr sogar als den deutschen Anspruch auf Weltherrschaft. Hitlers eliminatorischer Antisemitismus versprach die Reinigung der Menschheit von den Zersetzungskräften, die durch das Judentum in die Welt gekommen seien, und damit die Beseitigung der Quelle allen geschichtlichen Übels. Seine Vision vom "Dritten", dem "Tausendjährigen Reich" knüpfte bewusst an das triadische Modell christlicher Apokalypsevorstellung an: Nach der Herrschaft des Antichristen, der Negation ursprünglicher göttlicher Ordnung, werde das große Strafgericht folgen und das Reich Gottes anbrechen.

Unzweifelhaftes Bekenntnis zum deutschen Nationalstaat

Der Untergang des Hitler-Reiches markierte somit zugleich das katastrophale Ende eines deutschen "Sonderwegs", der im Kern eine Singularität historischen Bewusstseins war: eine nationalspezifische Ausprägung moderner Projektion heilsgeschichtlicher Sehnsüchte in die Realgeschichte. Um den Anschluss an die säkularisierte Moderne des Westens zu finden, musste Deutschland demnach nicht nur eine totale militärische und politische Niederlage erleiden - es musste auch eine vollständige Desillusionierung seines historischen Sonderbewusstseins eintreten. Heinrich August Winkler konstatiert diesen Wendepunkt deutscher Geschichte mit Sätzen, die es in sich haben: "Die deutschen Mythen, aus denen Hitler schöpfte und die er sich dienstbar machte, wurden durch ihn gründlich zerstört. Darin lag die befreiende Wirkung seines Untergangs, deren sich die Deutschen erst allmählich bewußt wurden. In dem Maß, wie sie den Zusammenbruch als Befreiung begreifen lernten, wurden sie auch fähig zu erkennen, daß Deutschland selbst die Schuld an seinem Schicksal trug."

Hitler als Bahnbrecher der Demokratie wider Willen? Die nationalsozialistische Katastrophe als kathartisches Ereignis der deutschen Nationalgeschichte? Winklers provokanter Gedanke zeigt die aporetische Grenze seines Ansatzes auf, den Verlauf der deutschen Geschichte aus einer ideenhistorischen Gesamtdeutung heraus zu rekonstruieren. Oder vielmehr, wie er präzisiert, sie als "Problem-" und "Diskursgeschichte" zu entwickeln. Die verhängnisvolle Strahlkraft und schließliche Überwindung der Reichsidee ist dabei das Schlüsselmotiv, das dem großen Erzählbogen vom Mittelalter bis zur Gegenwart den inneren Zusammenhang verleiht. Diese Konzentration auf ein untergründiges Leitmotiv im historischen Geschehen erlaubt es Winkler, das unübersehbare Faktenmaterial aufs Wesentliche zu verdichten und die Erzählung zügig und schnörkellos zu gestalten. Diese Qualität kann übrigens nicht hoch genug eingeschätzt werden: Winkler schreibt flüssig, anschaulich und spannend. Das macht - für einen deutschen Fachhistoriker keineswegs selbstverständlich - sein Buch für einen breiten Leserkreis attraktiv.

Das Problem seines methodischen Vorgehens liegt freilich in der stark thesenhaften Ausrichtung der Narration, die wenig Raum für offene Fragen lässt. Der programmatische Gesamttitel des zweibändigen Werkes, Der lange Weg nach Westen, suggeriert zudem selbst eine historische Teleologie: Hat die deutsche Geschichte, nach desaströsen Irr- und Umwegen, schließlich ihr Happy Ending gefunden? Ist Deutschland 1990 endlich dort angekommen, wo es eigentlich schon immer hingehört hatte? Winkler tritt der Gefahr, seinen Lesern eine einzige zulässige Interpretation aufzuzwingen, freilich dadurch entgegen, dass er sie selbst benennt. In der Einleitung räumt er ein, dass seine Darstellung auf starken Wertungen beruht. Und betont, dass er auf kritische, mündige Leser hofft, die fähig sind, aus dem dargebotenen Faktenmaterial gegebenenfalls eigene Schluss-folgerungen zu ziehen.