Die Hoffnungsträger des deutschen Kriminalromans sind - um es vorsichtig auszudrücken - nicht gerade üppig gesät. Umso mehr ließ im letzten Jahr ein Debüt aufhorchen: Ulrich Ritzel, 59 Jahre alt, bot in Der Schatten des Schwans eine spannende Story, durchdachte Konstruktion und einen sympathischen Ermittler: Berndorf, Vorname unbekannt, Kriminalhauptkommissar des Dezernats Kapitalverbrechen der Polizeidirektion Ulm. Kein Draufgänger, sondern ein nachdenklicher, beharrlicher Zeitgenosse, der einen grauenhaften Musikgeschmack pflegt, in unregelmäßigen Abständen über die Liebe und das Leben räsoniert und gerne liest - Montaigne, Lichtenberg.

Nun, ein Jahr nach dem Erstling, hat Ritzel nachgelegt. Schwemmholz heißt der zweite Berndorf-Krimi, wiederum in Ulm und Umgebung genau verortet, der Zeitverlauf zwischen dem 18. September 1998 und dem 3. Juni 1999 exakt datiert. Ein Brandanschlag auf den Wohncontainer einer italienischen Baufirma ruft die Polizei auf den Plan. Man vermutet die Täter in der rechtsextremistischen Szene. Zwei Verdächtige werden auch bald vor Gericht gestellt, kommen aus Mangel an Beweisen wieder frei.

Der Roman scheint auf dem geraden Weg zur Fabel von marodierenden Glatzköpfen und beherzter Gegenwehr der Gutmenschen - und genau diese Lesererwartung durchkreuzt Ulrich Ritzel geschickt. Eines Morgens liegt einer der Freigesprochenen ermordet vor dem Ulmer Justizgebäude. Berndorf rollt den Fall neu auf - und muss plötzlich nicht mehr nur an den Rändern der Gesellschaft ermitteln, sondern mittendrin. Plötzlich geht es nicht mehr um gewalttätige Fanatiker, sondern um gutbürgerliches Machtstreben, um Gelder, Gefälligkeiten, Großaufträge. Das Böse, weiß Exjournalist Ritzel, tarnt sich gerne hinter sonnengebräunten Gesichtern. Immer grimmiger wird der Kommissar.

Wie er bei seinen Nachforschungen in der lokalen Honoratiorenschaft einen Filz freilegt aus Opportunismus und persönlichem Vorteilsstreben ist scharf beobachtet und glänzend beschrieben. Spannend zeichnet der Autor eine eigenartige Männerfreundschaft changierend zwischen Aggression, unterschwelliger Erotik und ungehemmt sich auslebender Brutalität.

Ulrich Ritzel hat seinen Roman bereits im letzten Jahr geschrieben. Vor dem Hintergrund der (realen) politischen Affären, die seitdem losgebrochen sind, bekommt die im Buch gestellte Frage nach der Moral in der Politik und nach der Anfälligkeit demokratischer Strukturen eine ungeahnte Brisanz. Kein Zweifel: Von diesem Autor möchte man mehr lesen. Gelinde Panik dann, wenn gegen Ende Berndorf, desillusioniert und müde, seinen Abschied nehmen will.

Sollte es das schon gewesen sein? Hoffen wir, dass der kantige, leicht melancholische Wahrheitssucher auch als Rentner neugierig bleibt. Sonst wäre der Krimi made in Germany schon wieder um eine Hoffnung ärmer.

* Ulrich Ritzel: Schwemmholz Libelle-Verlag, Lengwil 2000 416 S., 39,- DM