Einmal, es war noch vor dem Computerzeitalter, saß ich in einer Jury, die aus einer schier endlosen Anzahl von Schülertexten literarische Hoffnungsträger herausfinden sollte. Gleich drei Texte begannen mit der Beschreibung eines leeren, in die Schreibmaschine eingespannten Blattes Papier. Davor sitzt ein Autor, verzweifelt, wie man sich denken kann, weil er nicht weiß, was er schreiben soll. Zwei dieser Texte waren dann auch so quälend wie die Situation, die sie beschrieben. Aber im dritten begann das Blatt zu sprechen, es stellte Fragen an den Autor und entlockte ihm Auskünfte. Die Lebensumstände des literarischen Alter Egos waren so verfahren, dass ihm überhaupt nur noch eine einzige Hoffnung blieb, nämlich die, bei diesem Wettbewerb entdeckt zu werden. Bis heute weiß ich nicht, ob es ein literarischer Trick war, auf den ich hereingefallen bin.

Vermutlich war die wirkliche Lage dieses Schülers nicht trostloser als die vieler anderer, die am Wettbewerb teilgenommen hatten. Auch sie erfüllten, frei nach Hemingway, die beste Voraussetzung für einen Schriftsteller: Sie hatten eine unglückliche Kindheit. Aber in diesem einen Text war die unerfreuliche Lage so geschildert, dass sie gleichzeitig erfreulich war.

Nicht nur für mich, den Leser, letztlich auch für den Schüler. Sein Text wurde bei der feierlichen Schlussveranstaltung im großen Rathaussaal ausgezeichnet, und der Schüler hatte im Kreis der Konkurrenten seine erste literarische Lesung zu absolvieren. Ohne ein einziges Mal aufzublicken, trug er den Dialog zwischen Papier und Autor vor. Als er damit fertig war und die Mitschüler zu klatschen und zu trampeln anfingen, stand er auf, schaute sich um, setzte sich wieder, hob die Hand zum Siegeszeichen und nickte dann nur noch monoton vor sich hin. Beim anschließenden Herumstehen zu Brötchen und Cola sah ich es als meine Aufgabe an, ihm schonend beizubringen, dass es vom Geehrten an einem literarischen Schülerwettbewerb bis zum Autor, der seinen Eltern über die Medien ausrichten lässt, auf welchem Erdteil er sich gerade befindet, noch ein steiniger Weg sein kann.

Was soll ich tun? fragte er.

Schreiben, sagte ich. Schreiben und lesen. Und wenn dich etwas fasziniert, es so oft lesen, bis es dich nicht mehr fasziniert, weil du dahintergekommen bist, wie es gemacht ist. Heute würde ich hinzufügen: Und wenn du 30 Seiten beisammen hast, bewirbst du dich um einen Studienplatz am Deutschen Literaturinstitut in Leipzig. Damals jedoch war Leipzig noch in der DDR, und so riet ich dem jungen Mann, er solle den Kontakt zu anderen jungen Autoren suchen oder sich mit seinen Texten an eine Literaturzeitschrift wenden. Aus eigener Erfahrung wusste ich, dass man ein paar vertrauenswürdige Menschen braucht, die einem sagen, was an den eigenen Texten schlecht ist. Nur so kann man ein ästhetisches Feinempfinden und ein zielführendes literarisches Wollen entwickeln.

Ich weiß nicht, was aus dem Schüler geworden ist. Seine Chance, die Kunst des Schriftstellers zu erlernen, war nicht sehr groß und wäre es auch heute nicht. In allen anderen Fächern gibt es mittlerweile eine Vielzahl von Wettbewerben, Leistungskursen, Neigungsgruppen oder gleich ganze Schwerpunktschulen, in denen Musik, Grafik, Tanz, ja sogar Fotografie und Film als Hauptfächer gelehrt werden. Und man kann den Schülern eine Reihe von Hochschulen und Instituten aufzählen, die zur Vertiefung und Erweiterung ihres Wissens und Könnens geeignet sind. Ein Gymnasium mit dem Schwerpunkt Literarisches Schreiben ist mir bislang jedoch nicht untergekommen.

Für die, die das literarische Schreiben lernen wollen, gibt es das Deutsche Literaturinstitut in Leipzig, den von Hanns-Josef Ortheil forcierten Studiengang Kreatives Schreiben und Kulturjournalismus in Hildesheim und das Studio Literatur und Theater an der Universität Köln - dann wird es schon eng. Wer Drehbuchautor werden will, findet mittlerweile an mehreren Hochschulen Ausbildungsmöglichkeiten vor, wer Prosa schreibt, könnte noch versuchen in das Seminar für Romanautoren hineinzukommen, das Bertelsmann im Münchner Literaturhaus veranstaltet, oder in die Autorenwerkstatt des Literarischen Colloquiums in Berlin. Der Rest mag sich berufen fühlen, ist aber zur Ausbildung nicht auserwählt.