Unsere Zeit, welche die Idee der Gleichheit und der heiligen Brüderlichkeit zur Wirklichkeit zu machen strebt, emanzipiert auch den Fürsten von der einsamen Höhe, auf der er, eingeengt in die Mauer unübersteiglicher Etikette, über den Menschen, also außerhalb der Menschheit stehend, ein trauriges Sonderdasein zu leben gezwungen war."

Auf einen hohen Ton gestimmt, der das Pathos der Revolution von 1848 zeigt - so beginnt der Briefwechsel Fanny Lewalds (1811 bis 1889) mit Carl Alexander von Sachsen-Weimar (1818 bis 1901). Eine schon recht bekannte Schriftstellerin schreibt an einen Landesfürsten, den sie in der Nachfolge seines berühmten Großvaters Carl August sieht. Sie selbst sieht sich nicht gerade in Goethes Rolle, doch der Schatten dieses Namens liegt von Anfang an über dem Briefwechsel.

"Die Republikanerin gibt dem Fürsten Rat", so der Großherzog bald darauf an Fanny Lewald mit einem deutlichen Unterton der Distanzierung. Was die beiden Korrespondenten miteinander zu tun haben, muss also noch bestimmt werden.

Bald ergibt sich etwas Gemeinsames: Die Schriftstellerin schreibt im Dienste von "Schönheit und Idealismus", und der Fürst regiert in diesem Sinne. Beide sehen sich als Teil eines großen Erziehungsprojekts, bei dem die Weimarer Klassik mehr und mehr in Gegensatz zu den technischen und sozialen Umwälzungen des 19. Jahrhunderts gerät. Goethe-Zitate, nicht etwa Lektüren seiner Texte, bilden die Wegmarken.

Am Anfang gingen die Briefschreiber noch mit ihrer Zeit, spätestens mit der Reichsgründung dreht sich die Perspektive. Beide sehen sich jetzt eher als Bewahrer, die im Schatten eines zum Monument gewordenen Goethe gegen die Moderne angehen. In Fanny Lewalds Briefen findet sich nun die melancholisch grundierte Sehnsucht nach einer Welt, "in der die Menschen noch Zeit hatten, sich selbst zu leben, an ihrer eigentlichen geistigen Menschwerdung zu arbeiten - in den Tagen, in denen Eisenbahngerassel und Telegrafenklingeln noch die Ruhe des Daseins nicht in jedem Augenblick unterbrachen" (April 1873).

Vor diesem Hintergrund bekommt auch ihre literarische Arbeit eine neue Bedeutung zugesprochen: Sie dient zur Abwehr alles Unangenehmen und soll schützen vor "dem rohen Realismus, der uns in hässlicher Daguerrotyp-Treue oft das Widerwärtige ausmalt". Damit gerät sie in Widerspruch zu neuen literarischen Strömungen. In ihren Briefen findet sich eine heftige Kritik an Gutzkow, und von Ibsen schreibt sie gar, dass er "mir ein Grauen ist".

Und der Großherzog? Interessant sind die Wechsel in seiner Schreibposition.