Am Ende seines neuen Romans dankt der Münchner Schriftsteller Friedrich Ani dem bayerischen Visionär Edmund Stoiber für eine interessante Wortschöpfung: "German Angst". Dieselbe, so der Boss von "Mir san mir"-County, dürfe den Aufbruch in die Zukunft nicht blockieren. In München residiert auch der Dr. Frey, DVU-Regent und Eigner der Nationalzeitung, der wohl reichste Rechtsausleger im Lande. Und ebendort wurde vor zwei Jahren ein türkischer Jüngling ausgewiesen, weil er sich als unverbesserlicher Rabauke aufgeführt hatte und die Behörden seine Verbesserung lieber der Türkei aufbürden wollten.

Angesichts dieser Sachlage und aller weiteren schlimmen Ereignisse rechter Provenienz hat Friedrich Ani zugegriffen. Er hat sich nicht, wie vielleicht andere Autoren, davon abhalten lassen, dass die Medien solche Probleme ohnehin mit einiger Emphase behandeln. Was zur Zeit der engagierten Schriftsteller in den fünfziger, sechziger Jahren noch anders war. Dennoch erlebt mit seinem Roman German Angst die engagierte Literatur keine Auferstehung. Er ist eher ein Erzeugnis aus dem Ressort Unterhaltung mit politisch-moralischem Anspruch. Wo liegt der Unterschied? Allein die Fabel verrät es schon.

Netty Horn, Kosmetikerin, wird entführt und übel zugerichtet von einer Gruppe Rechtsradikaler, der "Aktion D". Diese wird aus dem Hintergrund gelenkt vom reichen, mächtigen Dr. Voss. Ziel des Manövers: Man will von den Behörden die Ausweisung von Lucy Arano und ihres Vaters Christoph, des Verlobten von Netty Horn, erpressen. Er kam sechsjährig als nigerianische Bürgerkriegswaise nach Deutschland, Lucy wurde hier geboren. Allerdings geriet sie nicht allein wegen ihrer Hautfarbe ins Visier der Neonazis, sondern weil sie durch knapp siebzig Gewaltdelikte im strafunmündigen Alter eine fatale Medienprominenz erlangt hat.

"Ähnlichkeiten mit lebenden und toten Personen sind nicht immer zufällig", betont Ani in seiner Nachbemerkung. Mit anderen Worten: Er schreibt um einen tatsächlichen Fall herum, doch die Fakten genügen ihm nicht. Er will mehr. Er will nichts im Unklaren lassen, er will es Schwarzweiß. Und damit ja keiner denkt, alles wäre nur halb so schlimm, überzeichnet er ums Doppelte und Dreifache. Gewiss: Das kann notwendig sein, wenn man warnen will. Doch bei Anis Jagdszenen aus dem immerbösen Deutschland kommen hauptsächlich Verzerrungen, politisch korrekte Klischees und Kitsch heraus.

Ein paar Beispiele. Der beste unter den guten Polizisten heißt Tabor Süden.

Er ist, nomen est omen, ein richtiger Kerl mit unglücklichem doch heißem Herzen, schrecklich sympathisch und Lucys bester Freund, auch wenn sie ihn tritt, schlägt und beklaut. Norden heißt keiner, aber kalt sind sowieso die Herzen der meisten Deutschen, es sei denn, sie sind Omis, arm, behindert oder haben es anderweitig schwer, ohne deshalb gleich Nazis zu werden. Da Ani unendlich viele verschiedene Figuren durch seine Geschichte schleust, muss er sich dagegen bei allgemeineren Befunden etwas kürzer fassen. Das geht dann so: "Sie (die Aktion D) gehörten zu den mittleren Millionen, die der Bauch, das Herz, die Physiognomie und die Psyche des Staates waren, dessen Stimme, Wut und Macht." Nur nichts vergessen. So ist das in diesem Roman: Einfach und plakativ bis zum Anschlag.

Zu diesem Zweck hat der Autor offenbar auch das unverkennbare Vorbild für seinen Fall abgewandelt, oder vielmehr: aufgejazzt. Aus dem türkischen Rüpel wurde ein schwarzes Mädchen. Damit die hysterischen Ordnungsrufe der Spießer und Beamten noch ein bisschen schriller wirken und auch der Rassismus besser herauskommt. Zugleich wird Lucy als wahres Gewaltmonster gezeichnet, das aber im Innersten ganz lieb ist, jedoch unter riesigen seelischen Verletzungen leidet, an denen wir letztlich alle schuld sind. Für ihren Autor ist sie eine "Gesandte des Schmerzes", die mit Zaunlatten und Messern ihre Botschaft austeilt.