Der Franzose Daniel Pennac ist ein Superstar des europäischen Kriminalromans. Nur hierzulande gilt er noch als Geheimtipp, aber in Spanien, Italien und Frankreich verkaufen sich seine Bücher in Millionenauflagen. Der enorme Ruhm des Autors gründet sich auf die Kriminalromane um die Pariser Patchwork-Familie Malaussène: Benjamin Malaussène, der Ich-Erzähler, ist als ältester Bruder eines halben Dutzends eigenwilliger Halbgeschwister für deren Erziehung und Wohlergehen zuständig. Ben ist aber auch der Pechvogel vom Dienst, ein Lückenbüßer und Sündenbock: Wann immer sich irgendwo ein Verbrechen ereignet, sprechen alle Indizien gegen ihn.

Kein Wunder, dass Ben nervös wird, als seine Schwester Thérèse ihm in Adel vernichtet, der sechsten Folge der Serie, Heiratsabsichten eingesteht. Und zwar ausgerechnet den Comte Marie-Colbert de Roberval will sie heiraten!

Marie-Colbert ist nicht nur ein Blaublütiger mit Familientradition, sondern auch noch Beamter am Rechnungshof: stocksteif, stinklangweilig und geradezu aseptisch sauber. Obwohl Ben alle Hebel in Bewegung setzt, um die Hochzeit zu verhindern, kommt es, wie es kommen musste. Nach der Hochzeitsnacht kehrt Thérèse völlig aufgelöst nach Hause zurück, ihr Gatte liegt mausetot im Ehebett. Hauptverdächtige: die Malaussènes. Es braucht die Hilfe des halben Viertels, um Ben und seine Schwester aus dieser Bredouille zu befreien ...

Belleville, dieser vor Leben sprühende, im Chaos versinkende Stadtteil, in dem Araber, Chinesen, Afrikaner und Franzosen auf engstem Raum zusammenleben, ist der eigentliche Held der Kriminalromane von Daniel Pennac. Als Chronist der kleinen Leute gruppiert er um die Malaussènes eine Gesellschaft höchst skurriler, durchaus glaubhaft gezeichneter Gestalten: vom arabischen Kleinkriminellen über die gefallenen Engel der Straße und den ratlosen Rabbi Razon bis hin zu einem senegalesischen Spezialisten für chinesische Literatur. Bedroht von geldgierigen Immobilienspekulanten, unverbesserlichen Nazis, korrupten Politikern und skrupellosen Medienschaffenden, wachsen die Heimatlosen und Modernisierungsverlierer zu einer großen Familie zusammen.

Pennac entwirft so eine Utopie multikulturellen Zusammenlebens.

Das Milieu ist anheimelnd, die Protagonisten sind sympathisch. Mindestens genau so wichtig für den Erfolg von Pennacs Romanen ist allerdings das ungeheure erzählerische Talent des Autors. Mit enormem Wortwitz und viel Gefühl für Dialoge lässt er die lakonisch resümierende Erzählerstimme in einen Wettstreit geraten mit dem Gossen-, Gauner-, Jugend-, Einwanderer- und Familienslang des Quartiers. Dramaturgisch schlägt Pennac schier unglaubliche Kapriolen. Seine Romane sind derart schnell, kurvenreich und hintersinnig geplottet, dass man die Handlung nicht linear, sondern einer Achterbahnfahrt gleich durchmisst.

Adel vernichtet ist nicht ganz so herausragend erzählt wie die Vorgängerwerke. Trotzdem wartet Pennac auch diesmal mit spannungsgeladenen Aufstiegen, abrupten Abfahrten, akrobatischen Loopings und unausdenkbaren Wendungen auf. Aus einem falschen Eheversprechen, das in eine nicht vollzogene Ehe mündete, resultiert nach einer Flucht, die keine war, die Frucht einer unmöglichen Leidenschaft: noch ein kleiner Malaussène.

Handlung ist für Daniel Pennac Programm. Sein actionreiches Erzählen versteht er als Revolution gegen den literarischen Zeitgeist der achtziger und neunziger Jahre, als Kontrast zum Nouveau Roman. Pennacs Geschichten entspringen einem ästhetischen und einem pädagogischen Konzept. Der Autor, der bis vor kurzem als Lehrer gearbeitet hat, streitet für die Literatur und gegen das Fernsehen. Der ausufernden Macht der Fernsehbilder will er die fesselnden, dramatischen, mitreißenden Reize der Literatur entgegenhalten.

Auch wenn der neue Malaussène-Roman nicht ganz so brillant ist wie seine Vorgänger, wird Daniel Pennac mit Adel vernichtet seine Leser gewiss vom Fernsehen abhalten. Zumindest einen amüsanten und spannenden Abend lang.

* Daniel Pennac: Adel vernichtet Aus dem Französischen von Eveline Passet Kiepenheuer & Witsch, Köln 2000 208 S., 36,- DM Außerdem lieferbar: Monsieur Malaussène Kiepenheuer & Witsch 1997 608 S.,45,- DM Vorübergehend unsterblich KiWi-Taschenbuch, Köln 2000 78 S., 12,90 DM