Die großen Fragen an die Geschichte sind meist leicht zu stellen und schwer zu beantworten. Richard Overys jüngstes Buch bestätigt diese Erfahrung nachdrücklich. Der britische Militärhistoriker, durch profunde Studien vor allem zur Luftkriegs- und Wirtschaftsgeschichte des Zweiten Weltkrieges international ausgewiesen, stellt sich darin die Frage, warum eigentlich die Alliierten den Zweiten Weltkrieg gewannen - eine Frage, so verblüffend einfach, dass mancher glauben mag, sie sei allenfalls noch unter Stammtischbrüdern strittig, nicht aber unter Historikern. Tatsächlich ist das Gegenteil der Fall: Ein halbes Jahrhundert internationaler Weltkriegshistoriografie und Tausende mehr oder minder gelehrte Werke haben einen Konsens über die tieferen Ursachen von Sieg und Niederlage gar nicht erst entstehen lassen.

Grob vereinfacht, lassen sich zwei gegenläufige Tendenzen unterscheiden: Während die einen vor allem das Ungleichgewicht in der Verteilung der menschlichen und materiellen Ressourcen zwischen den kriegführenden Lagern hervorheben und daran die Schlussfolgerung knüpfen, der Ausgang des Ringens sei hierdurch bereits vorentschieden gewesen, betonen die anderen gerade dessen grundsätzliche Offenheit, aus der sich erst im Laufe langjähriger Kämpfe die Überlegenheit der Alliierten entwicke lt habe.

Hinter beiden Richtungen stehen nicht allein verschieden ausdeutbare empirische Befunde, sondern auch unterschiedliche methodische Ansätze, die im einen Falle eher auf die determinierende Bedeutung der strukturellen Rahmenbedingungen, im anderen auf die Autonomie strategischen Handelns abheben. Overy lässt von der ersten Seite an keinen Zweifel daran, welchem der beiden Ansätze er sich verpflichtet fühlt: Der Ausgang dieses Krieges sei weder vorhersehbar gewesen noch allein aus seinen materiellen Bedingungen heraus erklärbar. Ganz abgesehen davon, dass die Geschichte hinreichend Beispiele von Kriegen biete, in denen Gott nicht bei den stärkeren Bataillonen gewesen sei, hätten sich die Kräfteverhältnisse zwischen den Achsenmächten und den Alliierten zwischen 1939 und 1945 mehrfach verschoben.

Erst irgendwann im Laufe der Jahre 1942 bis 1944 sei der Umschwung zugunsten der letzteren erkämpft worden.

Streitbare, aber ungemein anregende Thesen

Um seine These zu untermauern, kombiniert der Autor zwei unterschiedliche Ansätze. In einem ersten, ereignisgeschichtlichen Teil legt er dar, wie die Alliierten den Krieg gewannen, in einem zweiten, systematisch strukturierten, warum sie es vermochten. Dabei erweist sich der erste Teil als der vergleichsweise konventionellere und - zumindest für den deutschen Leser - weniger aufregende. Er bietet eine klar gefasste Synopse der wichtigsten militärischen Wendemarken des Krieges in den Jahren 1942 bis 1944 auf den vier entscheidenden Kriegsschauplätzen: im atlantisch-pazifischen Seekrieg, im deutschen Landkrieg gegen die Sowjetunion, im Bombenkrieg sowie an der westeuropäischen Invasionsfront 1944.

Viele der hier von Overy vertretenen Auffassungen erscheinen plausibel

dies gilt etwa für seine These, dass der Seekrieg primär nicht durch größere Produktionszahlen, sondern durch taktische und technologische Innovation (Flugzeuge, Radar, Funkaufklärung) entschieden worden sei, aber auch für seine Verteidigung des strategischen Bombenkriegs als einer notwendigen Voraussetzung des alliierten Sieges. Wesentlich schwächer hingegen sind seine Ausführungen über die deutsche Kriegführung gegen die Sowjetunion. Zwar betont er völlig zu Recht die überragende Bedeutung dieses Kriegsschauplatzes, vermag mit seiner Einschätzung der großen Schlachten von Stalingrad und Kursk jedoch kaum zu überzeugen. Das uns bereits aus deutschen Generalsmemoiren vertraute Bild der "laienhaften Strategie" Hitlers auf der einen und der "nüchternen Lagebeurteilung seiner professionellen Ratgeber" auf der anderen Seite entspricht so kaum noch dem Forschungsstand.

Gravierender ist, dass Overys a priori getroffene Entscheidung, den Umschwung des Krieges überhaupt erst zwischen 1942 und 1944 zu suchen, ihm den Blick dafür verstellt, dass die Würfel tatsächlich wesentlich früher gefallen sein könnten. Angesichts der Tatsache, dass die deutsche Führung bereits seit dem Spätsommer 1942, das heißt seit dem Scheitern der Kaukasusoffensive über keinerlei gesamtstrategisches Konzept mehr verfügte, erscheinen Urteile des Autors, wonach der sowjetische Erfolg bei Kursk 1943 "der wichtigste Einzelsieg des gesamten Krieges" gewesen sei und selbst der Zusammenbruch des gesamten deutschen Westheeres nach der Invasion in der Normandie ein Jahr später "für sich genommen noch nicht den Krieg" entschiede n habe, jedenfalls einigermaßen erstaunlich.

Im zweiten Teil fragt Overy nach jenen Faktoren, welche die Überlegenheit der Alliierten schließlich begründeten. Er untersucht die Mobilisierung der Volkswirtschaften, die Rolle technologischer Modernisierung, den Einfluss der Staatsmänner als Warlords sowie, nicht zuletzt, die Bedeutung des "moralischen Faktors". Dabei wagt er wie nur wenige Autoren vor ihm den unmittelbaren Vergleich - einen Vergleich, der die ganze Dimension des qualitativen und quantitativen Ungleichgewichts zwischen den am Krieg beteiligten Lagern erkennen lässt. Churchill, Roosevelt und Stalin erwiesen sich als die besseren, weil vor allem lernfähigeren strategischen Köpfe, die Volkswirtschaften ihrer Länder (einschließlich der sowjetischen Kommandowirtschaft!) als die hinsichtlich Planung, Mobilisierung und Massenproduktion letztlich effizienteren. Hinzu kam - in der Entwicklung der Atombombe spektakulär kulminierend - die technologische Innovationsfähigkeit der angelsächsischen Industrien, welcher das Deutsche Reich meist nur wenig, Japan und Italien fast nichts entgegenzusetzen hatten. Freilich stellt sich gerade hier die Frage, ob derartige Ungleichgewichte nicht eben doch Folge längerfristiger Struktur- und Potenzialunterschiede in den politischen, wirtschaftlichen und militärischen Systemen der am Krieg beteiligten Großmächte waren.

Flüssig geschrieben, (fast immer) gut übersetzt und über weite Strecken geradezu spannend zu lesen, ist Overys Werk, unabhängig davon, wieweit man seinen Thesen zu folgen bereit ist, ein ungemein anregendes Buch. In einer längst unüberschaubar gewordenen Forschungslandschaft wagt der Autor eine streitbare, aber in sich schlüssige Gesamtinterpretation. Dass sie, ähnlich wie Gerhard Weinbergs großer Wurf (Eine Welt in Waffen) wenige Jahre zuvor, wieder einmal aus angelsächsischer Feder stammt, ist dabei kein Zufall.

Richard Overy: Die Wurzeln des Sieges

Warum die Alliierten den Zweiten Weltkrieg gewannen

aus dem Englischen von Jürgen Charnitzky

Deutsche Verlags-Anstalt, München 2000

496 S., 68,- DM