16 Jahre alt war ich damals. Doch die Prägungen fangen ja noch früher an. Als Kind war Till Eulenspiegel neben Tecumseh mein Held. Heute hätte ich meine Probleme mit ihm, da wo er seine Späße auf Kosten von Schwächeren macht. Damals habe ich mich mit fast allen seinen Streichen identifiziert. Einmal nahm ich an einem Zeltlager teil, in Mölln, der vermutlichen Geburtsstadt von Till Eulenspiegel. Da kam einer, der sich zur Imagewerbung für die Stadt als Eulenspiegel verkleidet hatte. Wir bekamen Fragen gestellt - und unter 100 Kindern war ich derjenige, der sich die typischsten Antworten im Sinne von Till Eulenspiegel einfallen ließ, woraufhin ich zum Ober-Till-Eulenspiegel der Jugend zu Köln ernannt wurde.

Der Till in mir war es auch, der unseren Klassenprimus in die Pfanne gehauen hat. Das war ein unangenehmer Streber, der die Mitschüler von oben herab und sehr arrogant behandelte und sich bei den Lehrern einschleimte. Eines Tages sagte ich zu ihm: "Der Zeichenlehrer will, dass du dich in der Pose eines griechischen Epheben auf den Schulhof stellst. Ganz unbeweglich musst du verharren, und wir müssen dich vom letzten Stockwerk aus zeichnen." Da stand er, auf einem Bein, und streckte den Arm nach oben. Wir hatten unseren Spaß.

Eine andere Identifikationsfigur war für mich der brave Soldat Schwejk, vor allem zu meiner Bundeswehrzeit. Damals, 1963, wurde in den Offizierskasinos und Traditionsräumen der Unteroffiziere noch NS-Symbolen gehuldigt. Ich habe mir einiges einfallen lassen, um gegen den abverlangten Drill und Kadavergehorsam anzustinken. Zum Beispiel wenn morgens alles zu den Gewehren flitzte, steckte in jeder Mündung eine Feldblume. Großes Gelächter. Wieder wusste man: Ich steckte dahinter.

Bis zuletzt weigerte ich mich, ein Gewehr in die Hand zu nehmen. Denn ich war ja nur eingezogen worden, weil ich meinen Antrag auf Kriegsdienstverweigerung zu spät eingereicht hatte, da ich immer alles auf den letzten Drücker mache. Dieser Verzögerungstick sollte sich diesmal als nützlich erweisen und die Richtung meines weiteren Lebens bestimmen. Sonst hätte ich vielleicht nicht zu der später von mir entwickelten Methode meiner Arbeit gefunden. Denn meine ganzen Schockerlebnisse und Selbstbehauptungsversuche bei der Bundeswehr hielt ich in meinem Tagebuch fest. Das habe ich Heinrich Böll zugeschickt, mit dessen Neffen ich befreundet war. Böll hat mich in seinen Briefen zum Durchhalten ermutigt. Als diese erste unfreiwillige Rollenreportage später als Buch erschien, schrieb er das Vorwort.

Die Zeit als Pazifist bei der Bundeswehr war meine eigentliche Lehrzeit. Dass ich dort den Schikanen der Ausbilder und Offiziere standhielt, verdanke ich auch einem besonderen Rüstzeug: der Literatur, die mein Deutschlehrer uns in der Schule näher gebracht hatte. Derselbe übrigens, der meinen Clown-Aufsatz nicht benotete. Auf dem Lehrplan hatten Wiechert und Bergengruen gestanden, er dagegen las mit uns Böll, Tucholsky, Brecht und vor allem Borchert. Dieser für die damalige Zeit außergewöhnliche Lehrer, Heinz Protzer, machte einem diese Literatur schmackhaft, weil er die Inhalte selbst durchlebt und durchlitten hatte. Als junger Soldat eingezogen, war er als Pazifist aus dem Krieg zurückgekehrt.

Er hätte es auch gerne gesehen, wenn ich das Abitur gemacht hätte. Doch ich musste Geld verdienen: Mein Vater starb, als ich 16 war, meine Mutter bekam aufgrund ihres Alters keine Arbeitsstelle mehr und war zu stolz, Sozialhilfe in Anspruch zu nehmen. Für Malerei hatte ich mich schon immer interessiert; deshalb wollte ich Restaurator werden. Dies scheiterte jedoch daran, dass ich dafür Lehrgeld hätte zahlen müssen. So machte ich eine Lehre als Buchhändler. Darauf folgte die Bundeswehrzeit, die mich ziemlich aus den Zusammenhängen schleuderte. Ich trampte danach durch Skandinavien, lebte in Obdachlosenasylen, arbeitete in Fabriken. Diese Zeit, die existenziellen Erfahrungen und vor allem die Menschen, deren Schicksal ich teilte, haben mich mehr geprägt und gebildet, als es die beste Universität vermocht hätte.