Leute "vom Fach" schauen jetzt wieder aufmerksam nach Amerika. Gore gegen Bush jr. - das wird knapp, und davon hängt auch ab, ob die USA eine "europäische Macht" (Richard Holbrooke) bleiben werden. Präsidentschaftskampagnen in den Vereinigten Staaten haben den Rest der Welt lange in den Bann geschlagen, fast so, als stünde dort eine Weltregierung zur Wahl. Als einer vom Fach möchte man diese Attraktion natürlich ausnutzen. Doch als das Thema aus gebotenem Anlass auf dem Seminarplan stand, stöhnte eine Studentin: "Schon wieder Amerika!" Sie schlug vor, sich zur Abwechslung mit den polnischen Präsidentenwahlen zu befassen. Die Bewerber für das Weiße Haus kenne hier bald jedes Kind, aber vom politischen Leben im unmittelbaren Nachbarland wüssten selbst interessierte Studenten so gut wie nichts. Europe first? Ein Kommilitone gab zu bedenken, die USA seien immerhin unser wichtigster Partner und als einzig verbliebene Supermacht einflussreicher denn je. Auch das klang aber eher nach Pflichtübung als nach jenem leidenschaftlichen Pro und Contra, das beim Thema Amerika bis in die achtziger Jahre vorgeherrscht hatte.

Die abgeklärte Haltung ist durchaus repräsentativ für eine Generation, der Amerika als Vorbild oder Schreckbild nicht mehr einleuchtet und der die "Amerikanisierung der Welt", das Thema des American Century, Anathema geworden ist. Wenn überhaupt, liegt die Neue Welt anderswo: Für einige im wilden Osten, für manche in den Abenteuern der Lebenswissenschaften, für viele im Cyberspace, in welchem auch Nationalstaaten zu Domain-Adressen herabgestuft sind. Und weil Amerika als dot.com oder harvard.edu auftritt, ist es heute überall und - nirgendwo. Umfragen unter jungen Deutschen bestätigen das diffus gewordene Amerikabild, was in der neuen "Ökonomie der Aufmerksamkeit", wie für jedes Thema, tödlich ist. Ungeachtet dessen sind die USA ein sehr beliebtes Ziel für Rucksacktouristen, Weekend-Shopper und Austauschschüler - nicht nur Christoph Daum kennt mittlerweile fünf Hotels in Orlando, Florida.

Auf die Gründe, warum sich Amerikas unbestrittenes Erfolgsmodell sozusagen zu Tode verbreitet hat, müssen wir zurückkommen. Zunächst soll noch ein junger Publizist auf der anderen Seite des Atlantiks zitiert werden, der sich über die große Zahl von Abhandlungen zur Frage "Europa und/versus/mit Amerika" wundert, die man immer noch in deutschen Zeitungen und Magazinen lesen kann. "Touching", ganz rührend fand er diese Zuneigung meist älterer Meinungsführer, die Amerika täglich für die deutsche Westbindung danken oder sich ihm als Gegner im Kulturkampf gegen McDonald's und Coca-Cola aufdrängen, womit die USA, im Guten wie im Schlechten, zum Maß der Dinge wurden. "Und das, obwohl Daimler Chrysler geschluckt hat, nicht umgekehrt, und Europas Handy-Ökonomie am Kapitalismus made in U.S.A. vorbeiziehen wird." Sagt einer, der es wissen muss: Der Kolumnist lebt von der euro-amerikanischen Differenz. Aber er ist fest davon überzeugt, dass sich zu beiden Seiten des Atlantiks Indifferenz durchsetzen werde. Es sei wie beim Waldsterben: Die Bäume treiben nochmals kräftig aus, bevor sie beim nächsten Stürmchen einknicken.

Üppige Buchgeschäfte, die gerade wieder auf der Frankfurter Messe getätigt wurden, und der Medienalltag in Kino, TV und www scheinen dagegenzusprechen. Der Löwenanteil der Übersetzungen findet weiterhin aus dem Amerikanischen statt, das auch die unangefochtene Lingua franca im Netz ist; der europäische Film ist etwas für die Programmkinos, und die Late-Night-Shows imitieren US-Vorbilder. Solche Impressionen mögen die erdrückende Vorherrschaft amerikanischer Anbieter in der globalen Kulturwirtschaft unterstreichen, nicht aber die politische Dominanz der USA. Amerikanisches wird übersetzt, gehandelt und im wahrsten Sinne des Wortes gegessen, aber die USA als solche werden dabei nicht mehr thematisiert. Quote und Bestseller kann man damit jedenfalls nicht mehr machen, und die Berichterstattung über den "Kampf um das Weiße Haus" wirkt wie Routine. Würde doch wenigstens Hillary Clinton gegen Colin Powell antreten, also die erste Frau oder der erste Schwarze vor den Türen des White House stehen ...

Jahrzehntelang waren Amerikaexperten aller Art gefragt. Als Zeitungs- oder TV-Korrespondent in Washington, D. C., als Sicherheitsberater mit besten US-Kontakten, als Professor in Stanford, selbst als Klatschnudel in Hollywood konnte man Karrieren krönen. Akademischen Austausch mit den USA pflegten die Westdeutschen mehr als mit allen anderen Gegenden der Welt, die Einrichtungen der DAF (Deutsch-Amerikanische Freundschaft) florierten wie keine paradiplomatische Achse sonst. Der "große Teich" schien zum Tümpel eingetrocknet, so sehr hatten sich die Insider einander angenähert. Seltsame Metaphern kamen in Umlauf, ein Jargon transatlantischer Eigentlichkeit täuschte vor, dass die blendenden Beziehungen zwischen Bonn und Washington immer noch besser wurden.

Doch nach 1989 ließen die winds of change auch die Transatlantikbrücke nicht unberührt. An einigen Stellen steht sie heute sogar unter Wasser: Ein eingetragener Verein gleichen Namens, vom rührigen Walther Leisler Kiep geführt und gelegentlich von einem Waffendealer namens Karlheinz Schreiber frequentiert, ging an seiner pseudoelitären Arroganz zugrunde, und es ist kein Zufall, dass gleichzeitig das Deutsch-Amerikanische Akademische Konzil aufgrund seiner verschwenderischen Selbstbegünstigung geschlossen werden musste. Wenn solche Auguren über eine drohende Krise der transatlantischen Beziehungen orakelten, meinten sie also vor allem sich selbst, ein Old Boys' Network des Kalten Krieges, das die Abfahrt von der Transatlantikbrücke ins transnationale Regieren verpasst hatte. Der Nachwuchs in Denkfabriken und Amerika-Instituten reklamiert zu Recht einen Paradigmenwechsel.

Auch hier geht ein Teil des Systems Kohl zu Ende, und man fragt sich, was die Berliner Republik an die Stelle der transatlantischen Freunderlwirtschaft setzen wird. Als unlängst der Planungsstab des Auswärtigen Amtes ein hochkarätiges Panel einberief, schlug Karsten Voigt, der "Koordinator für die deutsch-amerikanische zwischengesellschaftliche, kulturelle und informationspolitische Zusammenarbeit" und einer der wenigen USA-kundigen Sozialdemokraten, vorsichtig neue Töne an: Er könne keinen "Kulturbruch" mit den USA erkennen und spüre auch keine Kontinentaldrift, vielmehr laborierten Europa und Amerika an identischen Problemen sozialer und militärischer Sicherheit, die man nur noch multilateral, als gleichberechtigte Akteure einer Weltinnenpolitik angehen könne. Unterschiede sollten nicht mehr unter den Tisch gekehrt werden, man müsse jetzt auf Augenhöhe miteinander reden und streiten. Außenminister Fischer hat freilich gleich nach dem Amtsantritt gemerkt, wie es einem mit solchem Ansinnen ergehen kann: Als er die Nato-Doktrin vom atomaren Erstschlag ein bisschen infrage stellte, kam ein Donnergrollen aus Washington und Brüssel. Doch auch er blieb fixiert auf "Madeleines" State Department, kümmert sich zu wenig um das transnationale Netz der Nichtregierungsorganisationen und die Protestbewegung der "Seattle-Menschen" (Paul Krugman), die sich den Problemen widmen, die Amerikaner und Europäer gemeinsam haben - von gentechnisch behandelten Lebensmitteln bis zum ungehinderten Zugang zum Internet.