Vor wenigen Wochen hat der Stadtstaat Berlin eine Botschaft beim Bund eröffnet - genauer: eine Berliner Landesvertretung in Berlin. Die anderen Bundesländer sind ebenfalls schon da, unübersehbar mit architektonisch eindrucksvollen oder monumental fantasielosen Gebäuden in bester Lage: feine Vorposten des Föderalismus am Hofe des Konkurrenten, der Bundesregierung, Kurfürsten gleich, deren gut dotierte Kammerherren ein waches Auge werfen auf den Kaiser und den altdeutschen Feind, das Phantom des machthungrigen Zentralismus.

Die Praxis des Föderalismus im Bundesrat repräsentiert nicht nur legitime regionale Interessen der vielgliedrigen Staatsnation gemäß dem höheren Prinzip von checks and balances. Sie symbolisiert nicht nur die überwundene deutsche Duodezfürstentumsgeschichte vom Absolutismus bis zur schmerzhaften Bismarckschen Reichsgründung. Föderalismus ist nicht nur die rechtsstaatliche Form eines endlich gebändigten deutschen Tribalismus. Unsere föderale Verfassung ist außerdem und immer noch Ausdruck der Angst der Deutschen vor sich selbst.

Im europäischen Ausland, zumal in Brüssel, wo die Länder ("Aah oui, le Lennder ... Oh, the Lender ...") ebenfalls manche beamtenstarke Vertretung platziert haben, wirken die vielköpfigen Auftritte deutscher Delegationen wie ein ethnologisches Kuriosum. Das ist es aber nicht. Es ist vor allem die historische, grundgesetzliche Antwort Deutschlands auf seine moralische, politische und gesellschaftliche Selbstzerstörung im Nationalsozialismus. Doch wie zeitgemäß ist diese Antwort noch? Auf alle Fälle ist sie verbesserungswürdig und -fähig. Die verpasste Verfassungsdiskussion der Wiedervereinigung hätte auch hier ihr Thema gefunden.

Ein Motiv der Väter des Grundgesetzes war es, als Antwort auf die totalstaatliche Herrschafts- und Gewaltkonzentration und auf die traditionsfeindliche kulturelle Gleichschaltung des "Dritten Reiches", mit dem Föderalismus eine institutionell garantierte Diffusion politischer Macht in der Verfassung zu verankern: Als wäre der Zentralismus als solcher nicht problematisches Folgesymptom von Hitlers Machtergreifung, sondern gar die wesentliche Ursache der nationalsozialistischen Entgleisung gewesen. In Wirklichkeit hatte 1933 eine entscheidende Mehrheit der Deutschen, unabhängig von der Staatsform, ihr Interesse an den Versprechungen der Parteiendemokratie verloren. Dass sich die NS-Ideologie gerade regional, zumal an der Peripherie des Landes früher als im Zentrum, also in Preußen, durchsetzte, ist bekannt.

Die im Kampf um Wähler immer nutzbare Furcht vor dem leviathanischen Zentralstaat spiegelt und verstärkt sich in alten, bisweilen seltsamen Dämonisierungen: Berlin, Preußen (von Bayern aus gesehen), die Wiederbewaffnung, die Atomkraftwerke (und hinter ihnen: die Gesamtmacht "Staatsmonopolkapitalismus"), die Nachrüstung (dahinter steckte noch eine unheimliche Übermacht, die Nato) - und zuletzt der Umzug der Bundesregierung in die alt-neue Hauptstadt. Das alles lässt sich als zentripetales Übel politisch und populistisch plakatieren. Dass mehr als die Hälfte aller Bundesbeamten in Bonn blieb, gilt immer noch als legitimer Tribut an die Machtbegrenzung eines zentralen Staatsapparats, aber auch als Geste der regionalen Arbeitsplatzsicherung.

Der Föderalimus ist schwerfällig und verbesserungswürdig

Die Modernisierung der Verwaltung im Zeitalter von Fax, E-Mail und Videoschaltkonferenzen und die Aufgliederung der Staatsverwaltung in flachere Hierarchien und eigenverantwortliche Organisationseinheiten hinken ähnlichen Entwicklungen der Wirtschaft um Jahre hinterher. Das hat seine Vorteile: Falsche Entscheidungen fallen ebenso langsam wie richtige. Oder nie. Aber in einem ist die Bundesrepublik den zentralgelenkten Großkonzernen seit ihrer Gründung weit voraus: Die classe politique ist ubiquitär im Lande. Das Verfassungsgericht in Karlsruhe, das Bundesverwaltungsgericht in Leipzig, der Verfassungsschutz in Köln, der BND in Pullach, die größten Rundfunkanstalten fern von Berlin, die führenden Tageszeitungen in München und Frankfurt: Das institutionelle Herrschaftsmosaik der Bundesrepublik ist für einen zentralistischen Putsch völlig ungeeignet. Die Macht ist immer woanders, der Bundeskanzler ist ständig unterwegs im Lande.