Was für einen Unterschied ein einziger Monat macht. Mitte September schrieb Time, das auflagenstärkste Magazin der USA, Amerikas nächster Präsident werde "bei seinem Amtsantritt die sonnigsten wirtschaftlichen Aussichten seit 1963 erben". Das Wachstum sei stark, die Inflation maßvoll, die Arbeitslosigkeit gering, Einkommen und Profite robust.

Vier Wochen später ganz andere Töne. "Ist die neue Ökonomie tot?", fragte Time und berichtete über abstürzende High-Tech-Kurse, steigende Ölpreise und sinkende Investitionen. Die Frage nach den Überlebenschancen der New Economy beantwortete das Magazin zwar positiv. Aber die "ökonomischen Risiken" für die amerikanische Wirtschaft seien "so groß wie nie in den vergangenen Jahren".

Immer mehr Ökonomen teilen diese Einschätzung. Nicht nur am Aktienmarkt ist die Stimmung umgeschlagen. Erstmals seit Jahren wird offen über die Möglichkeit einer Rezession geredet. Für einen Konjunkturabsturz müsse zwar alles zusammenkommen - eine Krise in Nahost und hohe Zinsen, sinkende Kurse und geringe Investitionen, ein schwacher Verbrauch und ein schwacher Dollar. Aber: "Lange haben wir über Gefahren nicht geredet, weil es keine gab", sagt Gail Fosler, Ökonomin am New Yorker Conference Board. "Heute haben wir es mit potenziell drei oder vier Problemen zugleich zu tun."

Kurzfristig muss das nichts bedeuten. Amerikas Wirtschaft sei nach wie vor in "guter Verfassung", meint Stan Shipley, Ökonom beim Investmenthaus Merrill Lynch. Die Konjunktur schwenke auf "langsames, aber stetiges Wachstum" ein, so auch sein Standard & Poor's-Kollege David Wyss. Die meisten Wirtschaftsauguren prognostizieren für 2001 ein Wachstum von 3,5 Prozent und eine Inflationsrate von unter drei Prozent. Für eine Ökonomie, die 116 Monate Aufschwung hinter sich hat, wäre dies ein mehr als respektables Ergebnis.

Optimisten erwarten, dass eine effizienter und flexibler gewordene Wirtschaft mögliche Risiken relativ problemlos verarbeiten kann. Ihr Szenario: Nach sechs Zinserhöhungen während der vergangenen 16 Monate schwächt sich das Wachstum ab, damit sinkt auch die Inflationsgefahr. Privater Verbrauch und Investitionen bleiben auf einem niedrigeren Level relativ stabil. Für Unternehmensgewinne bliebe weiter genügend Spielraum. Wichtiger noch: Amerikas High-Tech-Branche, auf die zuletzt ein Drittel des Wachstums entfiel, bleibt auch im nächsten Jahr der Motor der Konjunktur. Die Folge: Der in den vergangenen Jahren starke Produktivitätszuwachs - Voraussetzung für steigenden Lebensstandard und stabile Preise - hält an.

Basis für diese Zuversicht ist die Überzeugung, dass Amerikas digitale Revolution noch im Babyalter steckt und der Technologiesektor weiter zulegen kann. Abstürzende Kurse von Technologieriesen wie Intel, Cisco, Oracle oder Dell gelten als Ausdruck einer notwendigen Korrektur. "Die Technologiebranche wird (auch 2001) schneller wachsen als der Rest der Wirtschaft", sagt Compaq-Chef Michael Capellas. Auch an den Börsen sei das Ende nicht nah.

Doch der Nasdaq-Index hat seit seinem Höchststand im März rund 40 Prozent verloren, auch der Dow Jones macht den Investoren keine rechte Freude. Bleibt es beim Krebsgang der Märkte, wird das Börsenjahr 2000 zum schlechtesten seit einem Jahrzehnt - mit möglicherweise schwerwiegenden Folgen für Konsum, Investitionen und Gesamtwirtschaft.