Nur wenige Historiker schätzen die dünne Luft der Theorie. Seit der Dissertation Kritik und Krise von 1959 ist der Bielefelder Historiker Reinhart Koselleck in den Höhen der Abstraktion zu Hause. Nach dem noch von Carl Schmitt beeinflussten Erstling zeitigte die Kärrnerarbeit an dem seither grundlegenden Lexikon Geschichtliche Grundbegriffe (1972 bis 1997) als wichtigstes Ergebnis die Notwendigkeit, die Sozialgeschichte durch die "Begriffsgeschichte" zu ergänzen.

Dies mag ein Anlass gewesen sein, ein schon länger in den Blick genommenes Projekt auszuarbeiten: nämlich das bereits in der Geschichtsphilosophie heftig diskutierte Thema einer Theorie der historischen Zeiten. Christoph Dipper brachte Kosellecks eigenwilligen Ansatz kürzlich in der Historischen Zeitschrift (Band 270/2000) auf die präzise Formel: "Einmaligkeit und Dauer, die durch Wiederholbarkeit miteinander verknüpft sind", machten das eigentliche Feld der Geschichtswissenschaften aus.

Leider fehlt der für die "Wende" Kosellecks hin zur Theorie geschichtlicher Zeiten maßgebliche Aufsatz Sozialgeschichte und Begriffsgeschichte von 1986 in dem neuen Band Zeitschichten. Damit suggeriert der Band eine gedankliche Kontinuität, die es so glücklicherweise nicht gegeben hat. Gleichwohl liegen nunmehr 17 Aufsätze aus über 25 Jahren gebündelt vor, die versuchen, das Signum der Moderne - die "Verzeitlichung der Geschichte" - zu fassen. Nach der Lektüre wird man noch mehr bedauern, dass Koselleck keine Zeit fand, seine subtilen Gedanken in einer Monografie darzustellen. So bleibt dem Leser die keineswegs einfache Aufgabe überlassen, die disparaten Teile der angestrebten "Historik" zu einem Ganzen zu verbinden.

Mit dem Auseinandertreten von Erfahrungsraum und Erwartungshorizont zurzeit der Französischen Revolution öffnet sich für die Zeitgenossen und Theoretiker das Feld der Beschleunigung aller Lebensbereiche. Die Tatsache, dass diese Beschleunigung gleichzeitig in der Geschichtstheorie wie auch als Kennzeichen der entstehenden kapitalistischen Gesellschaften auftrat, erschwert es dem Historiker in Kosellecks Augen, geschichtliche Ereignisse zu prognostizieren.

Es entsteht in der Neuzeit eine radikale Neuformierung dessen, was Koselleck "Zeitschichten" nennt: ",Zeitschichten' verweisen, wie ihr geologisches Vorbild, auf mehrere Zeitebenen verschiedener Dauer und unterschiedlicher Herkunft, die dennoch gleichzeitig vorhanden und wirksam sind. Auch die Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen (...) wird mit ,Zeitschichten' auf den Begriff gebracht."

Diese Theorie der ungleichzeitigen Zeitebenen nun führt Koselleck dazu, den Prognosecharakter von Helmuth Plessners Buch Die verspätete Nation zu kritisieren. Koselleck erkennt an, dass dieses unter einem anderen Titel 1935 erschienene Werk erhebliche prognostische Fähigkeiten über die künftige Entwicklung Deutschlands aufweist, doch die Neuauflage 1959 verkehre die Prognose in die Feststellung einer zwangsläufigen Entwicklung: "Nachdem ein Ereignis einmal eingetreten ist, ist es nicht mehr schwer, durch eine kausale Verdoppelung dieses Ereignisses den Anschein einer Notwendigkeit zu geben."

Wenn Koselleck allerdings bereits in Thukydides' Melier-Dialog die Fragen nach Macht und Recht entdeckt, wie sie zwischen Dubcek und Breschnew 1968 zur Debatte standen, dann will er scheinbar nur auf ein "Rekurrenzphänomen" aufmerksam machen: "Die Zeit eilt und heilt, sie bringt Neues und holt zurück, was nur aus der Distanz unterscheidbar wird."

Das klingt versöhnlich, macht aber auf einen Widerspruch aufmerksam. Warum wird Plessners Werk nach dem Krieg als teleologische Geschichtsphilosophie kritisiert, während Thukydides noch heute erkenntnisaufschließend sein kann?

Eine mögliche Antwort liegt in dem, was auch für Koselleck ein Leitmotiv der Geschichtstheorie darstellt: Ereignisse sind isoliert, ihre Verknüpfung braucht Distanz. Die aber hatte Plessner nicht.

Plessner beging Kosellecks Ansicht nach den Fehler, mit der Wiederveröffentlichung ein moralisches Urteil zu fällen. Moralische Urteile sind merkwürdigerweise für Koselleck immer richtig, tragen dafür aber nichts zur "Wahrheitsfindung" bei. Wie problematisch diese Position ist, zeigte sich erst jüngst, als - aus der Historik der Zeitschichten konsequent folgend - der Begriff der "Primärerfahrung" ins Spiel kam. In einem Heidelberger Vortrag, der zu einer scharfen Kontroverse mit dem israelischen Ideengeschichtler Gabriel Motzkin in der Deutschen Zeitschrift für Philosophie führte, insistierte Koselleck auf der Unteilbarkeit seiner eigenen Erfahrungen im Zweiten Weltkrieg und begab sich damit selbst in den Bereich des "moralischen Urteils".

Essenz sowohl seiner theoretischen als auch persönlichen "Primärerfahrungen": Jeder bleibt mit seiner Erinnerung allein. Sie ist nicht in ein kollektives Gedächtnis übersetzbar. Lediglich eine gemeinsame Erinnerung kann daraus folgen, etwa in Form eines Denkmals für alle Opfergruppen des Zweiten Weltkrieges. Ist somit jeder allein für seine Erinnerung verantwortlich, und nur im Tod sind alle gleich? Reinhart Kosellecks Band gibt darauf keine Antwort. Auch darum lohnt es sich, ihn zu lesen.

Reinhart Koselleck: Zeitschichten

Studien zur Historik. Mit einem Beitrag von Hans-Georg Gadamer

Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 2000

399 S., 48,- DM