Ernüchterung, aber radikal! So wollte Nietzsche sich vom Wagnerianismus heilen. Kult und Gegendroge. Dass ein Drittes schwer zu finden ist, kann man an einem Kunstwerk sehen, dessentwegen evangelische Kirche und protestierende Nietzsche-Gesellschaft hart aneinander gerieten. Am Reformationstag wurde beim Pfarrhaus Röcken, wo Nietzsche begraben liegt, eine Skulpturengruppe des Bildhauers Klaus Friedrich Messerschmidt eingeweiht, die sich auf den Wahnsinnsbrief vom 6. Januar 1889 bezieht. Dort imaginierte Nietzsche sich zweimal "gering gekleidet" bei seinem eigenen Begräbnis. Das Röckener Bacchanal zeigt den Philosophen dreifach, um eine Grabplatte gruppiert: am Arm seiner Mutter und zweimal nackt, den Hut vor der Blöße und sich selbst ins Auge schauend. Wer guten Willens ist, assoziiert da allerlei. Den Selbsterkenner aus den Dionysos-Dithyramben. Den Menschen angesichts der Geburt der Tragödie, "im Zustand des Außersichseins". Oder Nietzsches Einsicht, zum Betrachten gehöre "eine geheimnisvolle Gegnerschaft, die des Entgegenschauens". Doch die plakative Bildfindung wirkt wie ein besonders schlichter Witz über die Wiederkehr des Gleichen. Oder wie Freud für Arme. Da macht sich das Über-Ich einen tollen Reim auf den Über-Menschen.

Aufschlussreich ist jedoch vor allem die mangelnde Gelassenheit der gegnerischen Parteien. Nietzsche bleibt ein unbehagliches Stück Kultur.

Nachdem dessen Ehrwürdigkeit beschlossen wurde, liegt, da Andacht sich verbietet, deren altes Pendant am nächsten, der Affront.