Haust hier eine virtuelle Weltregierung? Die Pförtnerin in dem Hochhaus in Marina del Rey, einem Stadtteil von Los Angeles, kann mit dem komplizierten Namen Internet Corporation for Assigned Names and Numbers (ICANN) nichts anfangen und schaut erst mal nach. Im dritten Stock müssen Besucher dann um mehrere Ecken gehen, bis sie am Ende eines langes Ganges zu den Büros der Organisation gelangen.

Andrew McLaughlin, ICANN-Sprecher und Finanzchef, macht sich einen Spaß daraus, Journalisten durch die engen Räume zu führen. "Wir haben eine Armee von acht Mitarbeitern. Unser Budget? Sagenhafte fünf Millionen Dollar", sagt er und erzählt die Anekdote von einer falschen Illustration im Spiegel. Der habe kürzlich einen Artikel über ICANN mit dem Foto eines protzigen Bürogebäudes bebildert. "Das passte natürlich zur These des Stücks: Hier wird hinter hohen Glasfassaden gekungelt."

McLaughlins Amüsement ist verständlich: Eine Weltregierung ist ICANN sicherlich nicht - auch wenn deutsche Medien, allen voran das Feuilleton der FAZ, davor warnen. Aber die weithin unbekannte Organisation spielt im Internet eine zentrale Rolle: Sie verwaltet das Namen- und Nummernsystem des Netzes - und entscheidet damit über sämliche virtuellen Existenzen. Ohne das elektronische Telefonbuch der Netzbehörde käme keine E-Mail an, wäre keine Web-Seite abrufbar.

In den nächsten Wochen wird sich entscheiden, welche Bedeutung ICANN in Zukunft haben wird: nur eine ärgerliche Fußnote der Netz-Geschichte oder das Modell einer internationalen Organisation neuen Typs. Denn im November wird das Direktorium von ICANN darüber befinden, wie viele und welche neuen Adressendungen (generic top level domains) neben den existierenden wie com oder net eingeführt werden, um die chronische Namensknappheit im Netz zu beseitigen.

Wichtiger noch: ICANN ist ein Testfall dafür, inwieweit die ureigenen Entscheidungsmechanismen der Online-Welt auch im realen Leben tragen. Denn die Organisation steht in der Tradition von Netz-Gruppen wie der Internet Engineering Task Force (IETF). Sie haben in den vergangenen drei Jahrzehnten nicht nur technische, sondern auch soziale Standards gesetzt - und waren dabei mindestens ebenso innovativ wie offen.

Ihr Motto: "Wir missbilligen Könige, Präsidenten und Abstimmungen. Wir setzen auf Konsens und funktionierende Software." Mit der Praxis dieser Theorie wäre sogar der Philosoph Jürgen Habermas zufrieden, meint Michael Froomkin, Rechtsprofessor an der Universität von Miami und einer der besten Kenner von Internet-Institutionen. Die IETF erfüllt tatsächlich die meisten der Habermasschen Diskursregeln - und das nicht nur auf dem Papier. Jeder Interessierte, selbst ohne datentechnische Vorkenntnisse oder Abschlüsse, kann Mitglied werden. Er muss sich nur an den elektronischen Foren der Arbeitsgruppen beteiligen oder an einer der Konferenzen der Organisation teilnehmen, die dreimal im Jahr stattfinden. "Keine Mitgliedsbücher, keine Beiträge und keine geheimen Handschläge", heißt es auf der Web-Seite der IETF.

Damit könnte theoretisch auch Guildo Horn einen Internet-Standard anregen. Wenn sie den Vorschlag für diskussionswürdig hält, bildet die Internet Engineering Steering Group (IESG), welche die Aktivitäten der IETF koordiniert, eine Arbeitsgruppe. Diese fällt ihre Entscheidungen dann nach dem Prinzip des "groben Konsens" - mehr als nur die einfache Mehrheit, aber keine Einstimmigkeit. Festgestellt wird er freilich nicht per Abstimmung, sondern vom jeweiligen Leiter der Arbeitsgruppe.