Amerika ist zu cool geworden", sagt Kalle Lasn, und man merkt es gleich: Der Mann tut was dagegen. In Schlabberhose, weißen Socken und braunen Wanderschuhen sitzt er auf seinem Dienststuhl, schämt sich "eigentlich" für seinen neuen schicken digitalen Kassettenrekorder - und auch dafür, dass er so viel Auto fährt. Für den Chef einer Werbeagentur mit angeschlossenem Verlag ist Kalle Lasn eine merkwürdige Nummer.

Seine Adbusters Media Foundation (www.adbusters.org) ist auch kein normales Medienunternehmen - obwohl es erst einmal so aussieht. Fünf Etagen in einem verwinkelten Häuschen von Vancouver (Kanada), sauber und licht, eine Armee kunterbunter Apple-Computer auf den Schreibtischen, davor junge, aufgeregte Leute in Khakihosen, T-Shirts und Pullovern. Hier entstehen Werbespots, die manchmal abends beim Nachrichtensender CNN laufen und genauso aussehen wie alle anderen - nur dass sie eine andere Botschaft tragen. "Das Wohnzimmer ist die Fabrik", sagt eine Stimme, die Kamera zoomt das Gesicht eines Fernsehzuschauers näher, es spiegelt das Flackern des Werbefernsehens. Die Kamera wandert hinter den Sessel und zeigt einen Nacken - ein Strichcode ist da eingraviert wie auf einer Verpackung aus dem Supermarkt. "Das Produkt sind Sie", sagt die Stimme. Die Adbusters Media Foundation hat eine Mission: den Konsumwahn zu bekämpfen.

Deshalb hat sie es auch ziemlich schwer, ihre Werbung unterzubringen. Nur eine Hand voll Medien akzeptiert die Spots und Anzeigen aus Vancouver. Kalle Lasn hat schon etliche Sender verklagt, die betreffenden Fernsehgesellschaften fanden sich plötzlich selbst in den Nachrichten wieder. "Dann werden unsere Spots sogar gratis gezeigt", freut sich Lasn. Jedoch, so betont er, sei die Bezahlung der Spots und Anzeigen kein Problem. "Wir finanzieren uns selbst." Die Media Foundation habe zunächst zwar sieben Jahre lang "tiefrote Zahlen" geschrieben, aber das sei längst vorbei.

Das liegt vor allem daran, dass das hauseigene Magazin Adbusters - eine aufwändig produzierte Mischung aus Kunstmagazin und kulturkritischem Journal - im Winter eine Auflage von weltweit 100 000 Stück (Preis: rund neun Mark) erreicht.

Ein paar zahlungskräftige Aktivistenorganisationen wie Greenpeace oder die Präsidentschaftskampagne der US-Grünen lassen bei Adbusters Werbespots und anderes Bildermaterial produzieren. Etwa fünf Prozent des jährlichen Ein-Millionen-Dollar-Budgets kommt durch Spenden zusammen - von Stiftungen, Privatleuten und sogar Unternehmern. Der Gründer der Modekette Esprit gehöre zu den Förderern, sagt der Adbuster-Chef Lasn.

Vor allem kann Lasn auf die Unterstützung von Topwerbeleuten aus aller Welt setzen. Ein großer Teil des Materials im Adbuster-Magazin und in den Kampagnen stammt von "einigen hundert" Mitarbeitern großer Agenturen in den USA und anderen Ländern, auch aus Deutschland. Sie steuern Arbeiten, Fotos, Texte, Layouts und Ideen bei oder arbeiten sogar für einige Zeit als Ehrenamtliche in Vancouver mit. Natürlich bleiben sie großteils anonym. In der Branche haben die Adbusters einen Namen, die Leiter einiger globaler Werbefirmen bekennen sich ganz offen als Leser ihres Magazins, mit einem jährlichen Wettbewerb kitzelt Lasn jährlich neue Ideen aus ihnen heraus (zum Beispiel die Spezialzange eines holländischen Designers, mit der man den Nike-Haken von seinen Turnschuhen ablösen kann). Warum machen die Leute das? "Mein Job ist zu 98,9 Prozent eine seelenlose Beschäftigung", klagt ein gewisser "Kenny, Designer". "Ich wringe mein Gehirn wie ein Wischtuch aus, damit irgendein Bastard mehr Geld verdient."

So dienen die Adbusters manchem Werbetreibenden als Ventil für das schlechte Gewissen. Kalle Lasn ist selbst schon eine Medienfigur: Er wird als Enfant terrible der Werbung zu Talkshows und sogar zu Branchentagungen eingeladen. Und er sagt, er müsse "höllisch aufpassen, dass die ganze Sache nicht zu einem Witz gemacht wird". Er selbst findet es gar nicht witzig. "Wir verstehen uns als die Vorhut der bedeutendsten sozialen Bewegung der nächsten 20 Jahre", schreibt er in der Einführung seines neuesten Buches Culture Jam.