Walter Jens, 77, hatte bis 1988 in Tübingen den Lehrstuhl für allgemeine Rhetorik inne, der 1965 extra für ihn geschaffen wurde. Unter dem Pseudonym Momos schrieb er mehr als 20 Jahre lang Fernsehkritiken für die ZEIT

Wir nannten ihn "Speckrolle", weil er so einen feisten Nacken hatte, oder einfach "das Schwein". Er war ein dezidierter Nazi, dieser Lehrer an der Gelehrtenschule des Hamburger Johanneums. Meinen "halbjüdischen" Mitschülern machte er das Leben schwer, besonders Ralph Giordano, der in dieselbe Klasse ging wie ich und dem ich sehr nahe stand.

Mustergültig war dagegen Studienrat Ernst Fritz, mein Lateinlehrer. Er machte Witze über das Regime. So fragte er uns beispielsweise: "Was ist der Unterschied zwischen einem Hund und einem SA-Mann? Der SA-Mann hebt den Arm, der Hund das Bein." Einmal ließ er uns das Horst-Wessel-Lied ins Lateinische übersetzen. An der Stelle Kameraden, die Rotfront und Reaktion erschossen, marschier'n im Geist in unsern Reihen mit fragte er, was hiervon Nominativ sei und was Akkusativ. Wer hat wen erschossen? Und ist der Vorgang bereits abgeschlossen, also Perfekt: necaverunt? Oder morden die Kameraden noch immer, Imperfekt: necabant? Mithilfe solcher Grammatikübungen öffnete er uns die Augen.

Einige Klassenkameraden schrieben seine Bemerkungen auf und übergaben die Notizen der Polizei. Ein Lehrer von einer benachbarten Schule hatte sie aufgehetzt. Daraufhin kam die Gestapo ans Johanneum und verhörte alle Schüler. Einige verteidigten Ernst Fritz. Noch heute besitze ich das Protokoll, in dem es heißt: "Jens leugnet schlechterdings alles - selbst das, was der Lehrer schon zugegeben hat." Ich war kein Widerstandskämpfer; ich hatte lediglich das Bedürfnis, durch dick und dünn zu gehen für diesen Mann, der für mich ein Vorbild war. Doch die Rettungsversuche nutzten nichts. Fritz wurde entlassen, kam ins Gefängnis. Nach dem Krieg versuchte er, wieder zu unterrichten; doch er war ein gebrochener Mann. Ehre seinem Andenken.

Seit meinem vierten Lebensjahr leide ich an Asthma, und so brauchte ich nach dem Abitur nicht Soldat zu werden. Stattdessen leistete ich einen Ausgleichsdienst als Luftschutzausbilder. Ich musste die Bürger ausbilden, die in der Nähe des Hamburger Gänsemarkts wohnten. Zu ihnen gehörten auch die Nutten aus den Bordellen zwischen Dammtor und St. Pauli. Die Puffmutter hieß, ich beschwöre es, Emilie Puffsack. 18 Jahre alt war ich, und die armen Wesen dauerten mich; viele von ihnen träumten davon, dass irgendwann ein Mann aus der Provinz käme, der sie heiratete und dem sie eine treue Ehefrau sein wollten. Als 1968 Studenten die Vorlesungen zu sprengen versuchten und dem Dozenten das Wort verboten, fragten mich viele Leute: "Finden Sie das nicht schrecklich?" Das fand ich überhaupt nicht. Als junger Mann hatte ich die traurige Realität in der Herbertstraße oder im Kalkhof, den Puffrevieren, gemeistert. Im Hörsaal war es weiß Gott leichter.

Da ich Studienrat werden wollte, begann ich 1941, in Hamburg Germanistik zu studieren. Schnell erkannte ich jedoch, dass man in diesem Fach um sehr viele Kompromisse nicht herumkam: Man hätte die Nazibarden zu großen Dichtern erklären und sich abschätzig äußern müssen über jüdische Autoren. So wechselte ich das Fach und studierte klassische Philologie bei dem großen Bruno Snell. Dass ich 1996 als erster Wissenschaftler die Bruno-Snell-Plakette der Universität Hamburg verliehen bekam, hat mich dankbar sein lassen.

Zum Wintersemester 1942/43 wechselte ich nach Freiburg. Ich liebte den badischen Schwarzwald, den ich schon als Kind kennen gelernt hatte, als ich, wegen meines Asthmaleidens, insgesamt vier Jahre in einem Sanatorium in Königsfeld verbrachte. Unter der Woche hörte ich von morgens bis abends nur Vorlesungen. Freitagnachmittags war ich immer traurig, weil die Universität bis Montagfrüh geschlossen hatte. An den Wochenenden beschäftigte ich mich, in Littweiler spazierend, mit Thukydides, Horaz und Sophokles und promovierte mit 21 Jahren über Die Funktion der Stichomythie in Sophokles' Tragödien der Mannesjahre.