Es war "ein ungeheures Gefühl von Glück und Dankbarkeit", das August E. Hohler, Schweizer Psychologe und Publizist, beim Aufwachen nach der Nierentransplantation empfand. Ein Gefühl, das bei weitem nicht allen Dialysepatienten vergönnt ist: Fast 12 000 Kranke haben 1999 vergeblich auf eine vielleicht lebensrettende, auf jeden Fall aber die Gesundheit verbessernde Nierentransplantation gewartet, 2275 haben eine neue Niere bekommen - es hätten sehr viel mehr sein können, wenn das deutsche Recht seinen mündigen Bürgern erlauben würde, nicht nur Geld zu spenden zum Ausgleich materieller, sondern auch eine von zwei Nieren zum Ausgleich gesundheitlicher Not.

Um der Wahrheit die Ehre zu geben: Eine "Lebendnierenspende" ist nicht ganz verboten. Seit Dezember 1997 darf ein Gesunder einem kranken Menschen, der ihm "nahe steht", eine Niere abgeben; rund 600-mal ist das seither in Deutschland geschehen. Vor allem verheiratete Patienten haben davon profitiert - und damit auch die gesunden Gatten. Wer sich für seinen Partner eine Niere herausoperieren lässt, hat auch selbst etwas davon: Man kann wieder weitgehend unbeschwert in Urlaub fahren, feiern oder ins Kino gehen. Wer aber ganz und gar altruistisch nicht nur den Mantel mit dem unbekannten Leidenden teilen will, sondern seine Nieren, der hat Pech: Das Transplantationsgesetz verbietet die "Entnahme von Organen, die sich nicht wieder bilden können", sofern sie nicht "zum Zwecke der Übertragung auf Verwandte ersten oder zweiten Grades, Ehegatten, Verlobte oder andere Personen, die dem Spender in besonderer persönlicher Verbundenheit offenkundig nahestehen", geschieht.

Wir sind umzingelt von Verboten, die unseren Körper betreffen: Das Spenden eigener Organe zugunsten Fremder ist untersagt, ebenso der Konsum bestimmter Drogen, Autofahren ohne Sicherheitsgurt, Motorradfahren ohne Helm. Verboten ist, bei einer künstlichen Insemination mehr als drei Eizellen gleichzeitig befruchten zu lassen; verboten ist es einer Frau, sich eine Eizelle entnehmen, sie befruchten und zum Austragen einer anderen Frau einpflanzen zu lassen. Verboten, aus einer eigenen Körperzelle einen Klon erzeugen zu lassen, verboten, bei künstlicher Befruchtung das Geschlecht des Embryos festzulegen oder eine befruchtete Eizelle auf ihr Geschlecht hin zu untersuchen.

Dass man fremdes Eigentum nicht beschädigen und andere Menschen nicht verletzen darf, leuchtet ein. Aber der eigene Körper? Ist es nicht Sache eines jeden Einzelnen, zu entscheiden, wie viel man seinem Körper zumutet, welchen Risiken und Gefahren man ihn aussetzt?

Das Recht ist widersprüchlich und wenig konsequent. Wir dürfen Freeclimbing betreiben und sonntags auf dem Nürburgring Michael Schumacher spielen, ganz zu schweigen von Tempo 220 oder mehr nachts auf der A 7 zwischen Würzburg und Ulm. Wir dürfen uns ein faltenfreies Maskengesicht verpassen lassen und einen Ring durch die Nase ziehen, wir dürfen rauchen und die Droge Alkohol konsumieren. Nicht zuletzt dürfen wir eine objektiv vernünftige, weil lebenserhaltende Operation verweigern: Der erwachsene einsichtsfähige Mensch darf seinem Körper und seiner Gesundheit, dies ist Ausdruck des grundgesetzlich verbürgten Selbstbestimmungsrechts, Schaden zufügen.

Was ist der Körper für das Recht? Die rechtliche Einordnung des Körpers und seiner Teile liegt im Spannungsfeld von Persönlichkeits- und Sachenrecht. Grob vereinfachend ausgedrückt, was freilich über fehlende Logik nicht hinweghilft: Der Körper, lebendig und als Ganzes (inklusive "fest eingefügter künstlicher Teile" wie etwa einer Hüftgelenksprothese), ist keine Sache und kann daher weder verkauft/gekauft noch gestohlen werden (das leuchtet auch dem Nichtjuristen ein), sein Träger kann aber über ihn als materialisierte Gestalt seiner Person alle möglichen Bestimmungen treffen. Die vom Körper abgetrennten Teile - der ausgeschlagene Zahn, der abgeschnittene Finger, der herausoperierte Hüftknochen - sind Sachen, gehören nach nicht unbestrittener Auffassung ihrem ehemaligen Träger und können Gegenstand von Rechtsgeschäften sein. Ob sie auch verkauft/gekauft und gestohlen werden können, ist umstritten und hängt auch davon ab, ob sie "verkehrsfähig" sind: die abgeschnittenen Haare: ja; der nach dem Unfall in der Ecke des Hobbykellers liegende Daumen: nein. Eine Sache ist auch der tote Körper mitsamt seinen eingefügten Teilen, aber sie ist "herrenlos", gehört also niemandem und kann, da res extra commercium, nicht zum Gegenstand von Rechtsgeschäften gemacht werden. Grundsätzlich nicht - es gibt Ausnahmen.

Sachenrecht oder Persönlichkeitsrecht: ein Streit um des Kaisers Bart? Mitnichten. Die Spermakonserve eines 31-Jährigen, der durch eine Operation zeugungsunfähig geworden war, wurde aufgrund eines Missverständnisses vernichtet. Er klagte. Der Bundesgerichtshof meinte in einer viel kritisierten Entscheidung, Schmerzensgeld nur dann zusprechen zu können, wenn er die Vernichtung des kryokonservierten Spermas als Körperverletzung und nicht bloß als Verletzung des allgemeinen Persönlichkeitsrechts qualifizierte. Die heimliche Entnahme von Herzschrittmachern aus den Leichen verstorbener Patienten und ihre Wiederverwendung in ahnungslosen Kranken hat das Landgericht Köln nicht als Diebstahl oder Unterschlagung gewertet, da es sich bei den Schrittmachern nicht um fremde bewegliche Sachen gehandelt habe - Sachen ja, aber nicht fremd, da sie niemandem gehört hätten.