Der Mann ist kein verirrter Tourist aus dem nahen Park, sondern Julius Shulman, der berühmte Architekturfotograf aus Los Angeles. Für ihn hat ein Mitarbeiter des Präsidenten "beide Augen zugedrückt" und ist ihm sogar in die feuchte Erde gefolgt, damit Shulman sich ein Bild mache von dem schönen ovalen Amtsgebäude, das erst seit zwei Jahren hier steht. Es ist ein Schmuckstück der jüngeren Berliner Architektur.

Und Shulman lichtet dieses Haus ab, wie es keiner zuvor getan hat: In der Fassade aus dunklem polierten Naturstein spiegeln sich Himmel und Bäume; Shulman stellt sich so, dass all dies noch einmal reflektiert wird, im Wasser des erst vor kurzem angelegten Teichs. "Wie schön!", ruft er, nachdem der Verschluss des Objektivs leise zugeschnappt ist. Er hat den neuen Blick gefunden, den er immer sucht. Jenes Bild, das die Erinnerung an ein Gebäude perfekt bewahrt - für den Fall, dass "die Welt mal untergeht".

Sollte dies geschehen, werden von den schönsten modernen Bauten des Planeten wenigstens Julius Shulmans Bilder bleiben. Er hat sie alle fotografiert, seit den dreißiger Jahren - die Klassiker von Mies van der Rohe, Richard Neutra, Pierre Koenig und John Lautner, so viele strahlende, elegante Glaskästen. Und jedes Mal hat er den Gebäuden etwas hinzugefügt, weshalb sie auf seinen Bildern meistens besser aussehen als in Wirklichkeit.

Nur was? "Ich warte auf das optimale Licht, zeige die Umgebung", sagt Shulman, als könne man sich dem Geheimnis seiner Bilder so nüchtern nähern. "Ich möchte die Idee eines Gebäudes festhalten, die Philosophie des Architekten." Schon besser. "Schauen Sie sich diesen ovalen Amtsbau an: Es ist seine reine, natürliche Form, die mich fasziniert." Durch Fichtenzweige kämpft sich Shulman zurück auf den gepflasterten Weg. Trotz seiner 90 Jahre schwankt er kein bisschen.

Vielleicht ist Shulmans Geheimnis die Perspektive, die einem fotografierten Gebäude seine Aura gibt. Für sie nimmt er mehr als nur schmutzige Schuhe in Kauf: Am Potsdamer Platz tritt er vor einer roten Ampel auf die Kreuzung, lehnt sich an einen Wagen, den Gehstock überm Arm, und fotografiert das Sony-Center. Als die Autos anfahren, springt er weg. "Sie Verrückter!", ruft ein Fahrer. Aber Shulman hatte keine Wahl - die Fassade glitzerte gerade so schön in der Mittagssonne.